Le Fooding – Nouvelle Vague der Esskultur?

Von Le Fooding habe ich das erste Mal vor ein paar Monaten im Zeitmagazin gelesen: http://www.zeit.de/2011/40/Paris-Le-Fooding.

Dabei handelt es sich um eine überaus interessante neue Food-Bewegung in Frankreich, bei der die Worte ´Food´ und ´Feeling´ zusammengesetzt werden:

Es geht bei dieser Bewegung einzig und allein darum, dass man beim Essen ein gutes Gefühl haben solle, was sich ja schonmal sehr vielversprechend anhört. Es geht um die Sinnlichkeit an sich.

Regionales, aber auch Unkonventionelles ist beim Fooding mit von der Partie. Also nicht nur das ausschließlich vom Biobauer belieferte Restaurant, sondern auch der besonders herausragende Thai-Imbiss (bei dem man die Herkunft manches Mal besser nicht genauer unter die Lupe nimmt) um die Ecke, bei dem alles so supersupertoll schmeckt, darf Teil des Fooding-Movement sein. Wo man sich also subjektiv gut fühlt – das ist der ausschlaggebende Maßstab.

Bei der Gründung der“Fooding“-Bewegung durch Alexandre Cammas und Emmanuel Rubin im Jahr 2000 kritisierten die Initiatoren die leblose und angestaubte Haute-Cuisine-Szenerie der sternegekürten Restaurants der Grande Nation. Genauso, wie sie auch die weiss-rot-karierten Stereotypen an Pariser Restaurants und Bistros satt hatten, in der sich jeder Durchschnittstourist erst einmal ein Foie Gras bestellt. Die Michelin-gekürte französische Gastronomie als ewig-gleichbleibendes Remake ihrer selbst.

Und da Cammas und Rubin von den nie offen artikulierten Kriterien des Michelin-Guide genug hatten, brachten Sie eine Art Anti-Michelin-Guide heraus: Den Fooding-Guide für Frankreich (inkl. Paris), der auch im Internet – bzw. auch als App für das Smartphone bereits verfügbar ist. http://www.lefooding.com

In einem Artikel der Onlineausgabe des amerikanischen Wochenmagazins „New Yorker“ ist einerseits die Rede davon, dass man die Fooding-Bewegung schon sehr nahe bei Slowfood einordnen könne. Slowfood sei eher mehr die politisch-korrekte-Ansichtssache – Fooding jedoch mehr der subjektiv-emotionale Moment. Bei diesen Gedanken hätte ich zwar eigentlich mehr an Foodwatch gedacht – das ist für mich die politisch-korrekte Bewegung, wenn es um „politisch-sauberes“ Essen geht… Andererseits sei es wohl ein Problem der Franzosen, dass Sie eher keine „Slowness“ des Slowfood benötigen würden, da die Küche ohnehin schon „slow“ genug sei. Vielmehr bedürfe es hier doch ein wenig mehr Geschwindigkeit, mehr Esprit, mehr Pfeffer – ohne dabei in amerikanische Unarten des Fastfood zu verfallen. Beim Gedanken an meine letzte französische Fischterrine – oder gar die stundenlang Grundfond geköchelte Bouillabaisse und an die vielen vielen Stunden in der Küche – haben sie auch noch so Spaß gemacht – kann ich nur zustimmen. http://www.newyorker.com/reporting/2010/04/05/100405fa_fact_gopnik

Den neuen Fooding-Guide 2012 habe ich schon vor mir liegen und ich bin neugierig und gespannt, wie unser erster Test im nahen Elsaß bei nächster Gelegenheit ausfallen wird. Empfinde ich subjektiv denn genauso wie Le Fooding? Sehr, sehr vieles hört sich spannend an – und absolut jeder Geldbeutel wurde berücksichtigt. Es bleibt abzuwarten, was die ersten Gaumentests besagen werden….

Abseits des entwickelten Fooding-Guide haben mittlerweile auch sogenannte „Grand Foodings“ (kulinarische Großveranstaltungen) stattgefunden u.a. die mittlerweile auch in New York, San Francisco und Mailand (http://www.legrandfooding.com/milano/doc/LEGRANDFOODING_program_milano.pdf). Und auch bei Youtube finden sich eine Vielzahl interessanter Videos zu diesem Thema.

Die Mailänder Veranstaltung „Der Triumpf der Riesen-Spaghetti“ im Oktober 2011 liest sich wie eine Mischung aus Kunst-Event und abartiges Food-Neuland mit Sakrileg-Potenzial. Amerikanische und Englische Küchenmeister treten gegen italienische Köche an und stellen die Frage: Wo gibt es das beste italienische Mahl? Hallowell aus San Francisco legt schonmal Calamari, Aioli und Kirschtomaten auf die Pizza. Ein Londoner Sternekoch bietet Kalbshackbällchen, Schinken, Sahne und Salbei auf seiner Pizza-Variation an.

Und auch die Italienischen Köche spielen auch verrückt: Der Sternekoche Cedroni aus den Marken bietet einen Tintenfisch-Hot Dog mit Senf, Himbeeren und Ingwer an. Danach als zweiter Akt die Whoosh-Spaghetti mit einer Erklärung von Davide Oldani: Man solle die Spaghetti, die mit einer Zitronen- und Orangensauce und leichtem Bitteraroma von Kakaobohnen verfeinert sind, doch unbedingt mit den Händen – und geräuschvoll – essen. Danach kombiniert der New Yorker Sternekoch Carbone frische Mais-Polenta (ein Traditionsgericht der lombardischen Küche) mit Garnelen und Old Bay-Sauce (!?), und das sind nur einige Beispiele.

Das Ganze verspeist man in von der Stardesignerin Paola Navone gestalteten Räumen: Weiss gedeckte Tische, Tricolor-Besteck, weisse Laken hängen von der Decke – und lediglich klitzekleine Lichter weisen den Weg. Da wundert es auch nicht mehr, dass die italienischen Mandolinen durch eine Brass-Band ersetzt wurden, die immer dann anfängt zu spielen, wenn man es am allerwenigsten erwartet.

Mit stereotypem Essen wie beim Standard-Italiener um die Ecke (und sei er auch noch so gut) hat das sicherlich überhaupt nichts mehr zu tun. Und 100% slow ist die Veranstaltung auch nicht, denn Hägen Dasz und Nespresso sind mit von der Partie.

Achja – und die italienischen Köche, die dort werkeln sind allesamt Sterneköche, die doch im italienischen Michelin so wohlbeschrieben wurden. Seltsam… seltsam…. dabei sollte das doch Anti-Michelin-Guide-Küche werden… Nunja – die Sinnlichkeit beim Essen – die steht im Vordergrund. Und das ist und bleibt schon immer etwas sehr Subjektives.

Worauf man gespannt sein darf: Ob es „Grand Fooding“-Veranstaltungen auch bald in Deutschland geben wird? Das ‚Diner en blanc‘ hat es mittlerweile ja schon in viele deutsche Städte geschafft. (Hamburg, München, Berlin, Frankfurt, Darmstadt, Mannheim…). Wenn ich mich auch auf das am 6. Mai anstehende Neckarpicknick von Slowfood Rhein-Neckar ganz besonders freue….. http://www.slowfood.de/slow_food_vor_ort/rhein_neckar/alle_termine/neckarpicknick_1/

Haben Sie auch schon ein Fooding-gekürtes-Restaurant in Frankreich getestet? Dann schreiben Sie einen Kommentar!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Buchempfehlung, Slow Travel / Reisen, Wissen & Genuss

Eine Antwort zu “Le Fooding – Nouvelle Vague der Esskultur?

  1. ak

    Drei himmlisch-gute Fooding-Restaurants:
    a.“Les Avises“ in Avize (Champagne)
    b. „L´Endroit“ in Honfleur (Normandie)
    c. „Les Vapeurs“ in Trouville (Normandie)

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