Gastrobewertungen: Print (Michelin, Gault Millau) versus Internet (Qype, tripadvisor, slowfood.de)

Ja also wie ist das denn jetzt? Taugen Gastrobewertungen in der Print- oder Onlineausgabe mehr?

Unterm Weihnachtsbaum lag dieses Jahr ein Michelin 2013-Führer für Deutschland. Diesmal abgespeckt in Taschenbuchversion. Aha-Aha. Wir blättern beide darin herum und brummeln etwas unerquickt. Ich lese die Beiträge über die regionalen Lokale und brummle noch mehr. Wie sagte schon meine Grundschullehrerin Frau Kiemel: „Benutzt nicht so viele Ausrufezeichen, das zeigt nur, dass Ihr Euch auch sonst kaum ausdrücken könnt.“ Der Michelin-Autor für die Region muss da wohl nochmal zu Frau Kiemel. Setzen 6! Ich mein: Entschuldigung, was soll das denn? Jeder zweite Beitrag ist voller Ausrufezeichen, Pfeilen und Schnickschnack. Ja ist man dort denn nicht mehr in der Lage eine echte Beschreibung oder Bewertung abzugeben? Oder sind gar die Auswirkungen der Pisa-Studie beim Michelin angekommen?

Bei manchem Lokal muss ich den Kopf schütteln, was die darin noch zu suchen haben (weil die Qualität meiner Meinung nach dort lange nicht mehr über überdurchschnittliches Tütenaufschneider-Bistro-Qualität hinausgeht) und auch die Beschreibungen der Heidelberger und Mannheimer Lokale sind so aussagekräftig wie die Wettervorhersage im Fernsehen in der unfehlbaren Aussage „heiter bis wolkig“. Aha. Man kann also alles erwarten. Gut – Stern ist Stern. Aber ansonsten… nunja…

Den Gault Millau für Deutschland habe ich noch nie gelesen – und das sollte ich wohl (!?) noch nachholen, da sich die Internetseite bislang immer irgendwie ausschlussreicher war, als Vieles im Michelin.

Begeistert bin ich hingegen – allerdings nur für Italien – von dem aktuellen „Osterie d´Italia 2013“ (auf italienisch, also nicht die deutsche Ausgabe vom Hallwag-Verlag) vom Slowfood-Verlag. Pro Lokal mindestens 20-30 Zeilen Text, der genau das wiedergibt, wie wir häufig die Lokale auch empfunden haben. Und das schreibe ich nicht, weil ich für Slowfood Werbung machen wollte oder so. In Südtirol, Lombardei, Trentino, Aosta-Tal und Piemont hat er uns immer hervorragende Dienste geleistet. Und auch der Blick auf weniger teure Küchen, lässt so manche Reisekasse frohlocken. Denn wer meint: teuer = gut, liegt meiner Meinung nach schief gewickelt. Wenn selbst Gastronomen selbst (siehe Südtirol) und unverhohlen sagen, dass der Osterie d´Italia Führer das einzige sei, was bei ihnen im Auto liegt, wenn sie in Italien unterwegs sind, dann spricht das (meiner Meinung nach) schon Bände.

Ähnlich verhält es sich dem französischem „Le Guide Fooding“ für Frankreich. Hier ist alles bunt durchgemischt. Vom Sternelokal, das überzeugt (!!) bis zum Thai-Imbiss um die Ecke. Alles drin. Und bislang haben wir damit NUR gut gelegen!

Aber gibt es denn eine Alternative am deutschen Bewertungs-Himmel?

Und mir fällt bei der Lektüre des Michelin-Führers wieder das leicht angestaubte Klischee des Michelin-Verköstigers bei „Brust oder Keule“ ein, einem unserer absoluten Lieblingsfilme! Und das damalige Problem scheint es auch heute noch zu geben: Der Michelin hypt manche Lokale, die ihren gastronomischen Zenit seit Jahren überschritten haben mit einem Gleichmut, dass man staunen muss. Gleichzeitig verschweigt er Lokale, die preislich „zu weit unten“ sind, weil das dann wohl in den dortigen Augen höchstwahrscheinlich nichts gescheites mehr sein kann. Eigentlich schade, wenn man es sich so überlegt.

Und mir fällt wieder ein, dass SlowFood einen eigenen Genussführer plant. Bislang habe ich, sobald ich unterwegs war, auf der Slowfood-Seite nachgelesen, ob sich in anderen Convivien Lokale im Genussführer hervorgehoben wurden. Das hat einerseits den Vorteil, dass die Information kostenlos ist und sozusagen (hoffentlich) mehr oder minder demokratisch auf die Webseite gelangt ist. Andererseits den Nachteil, dass es eine Vielzahl an Convivien gibt, die diese Rubrik völlig brachliegen lassen.

Bleibt der Blick auf die Online-Bewertungsportale wie Tripadvisor, Qype, Ilmangione.it:

Natürlich kann da jeder Hanswurst schreiben, was er will. Natürlich wirken hier auch immense wirtschaftliche Interessen, die hier mitspielen. Im Fernsehen habe ich mal einen Bericht darüber gesehen, wie es „professionelle“ Bewerter gibt, die Hotels positiv bewerten sollen, obwohl sie dort nie waren. Es wird getrickst, betrogen und Mist geschrieben, was das Zeugs hält.

ABER. Mit etwas Übung lässt sich erkennen, ob der Schreiberling was taugt oder nicht. Drei Merkmale, die einem zumindest ein wenig weiterhelfen kann, die „echten“ Bewertungen von den „unechten“ zu trennen.

1. Man lese nur Bewerter, die mindestens 5 Artikel geschrieben haben. Damit sind die „Einmal-Bewerter“, die aus Wut (aber ohne Konstanz schreiben) oder Konkurrenzgedanken irgendwas schreiben, schonmal aus dem Schneider. Bei einem Lokal (das ich persönlich als grottenschlecht empfand) las ich 5mal jeweils ähnliche Einzeiler mit: „Ganz hervorragend“, die dann die miesesten Beschreibungen relativieren sollten.

2. Man achte besonders auf die Sprache. Wenn ein Text sich liest, als ob er von der Restaurant-Website kopiert wäre, müssen die Alarmglocken angehen!! Genauso deplaziert ist es, wenn man sich im Gourmetrestaurant, bei der die Köche den ganzen Tag in der Küche stehen, sich über die Preise oberhalb von Pizza-Pasta-Liga zu beschweren.

3. Die Kritik sollte (im positiven wie negativen) schon konkret beschreiben, was besonders gut oder besonders schlecht war. Am Liebsten sind mir Beschreibungen die Einrichtung, Service, Küche, Weinkarte nicht nur beschreiben, sondern auch subjektiv mit konkreten Begründungen bewerten. Dann kann man auch “ eher“ erkennen, ob einem das Lokal (subjektiv) liegt, oder nicht.

Der Unterschied zwischen Tripadvisor und Qype liegt darin, dass man Qype-Artikel später noch löschen oder umschreiben kann, was bei Tripadvisor nicht möglich ist.

Aber wie läuft das denn bei unseren Lesern ab?

7 Kommentare

Eingeordnet unter Buchempfehlung, Genussführer, In eigener Sache, Wissen & Genuss, Wo wir gerne essen

7 Antworten zu “Gastrobewertungen: Print (Michelin, Gault Millau) versus Internet (Qype, tripadvisor, slowfood.de)

  1. Thomas Grillmeier

    Bei der Suche nach einem guten Essen vor Ort dürften für mich persönliche Empfehlungen von (vertrauenswürdigen/genussfähigen) Freunden am wichtigsten sein!!! (die Ausrufezeichen sind Absicht!!!)
    Ansonsten gilt es zu trennen:
    – in Deutschland ist durchaus der Slow Food Genussführer (online) der erste Anlaufpunkt. Der gibt aber, je nach Convivium, viel oder wenig her (was steht eigentlich so im Genussführer Rhein-Neckar ? ;-)).
    Falls man da leer ausgehen sollte (vielleicht erstmal direkt ans zuständige Convivium mailen und persönlich nachfragen), dann eben Michelin online (wichtig hier sind m.E. nicht die Sterne, sondern der „Bib Gourmand“) oder Gault Millau online . Die gedruckten Ausgaben leiste ich mir nur ausnahmesweise, wobei ich den Michelin eindeutig vorziehe (weniger Geschwätz und vor allem weniger Gemeinheiten, dafür aber etwas schwerfälliger und konservativer). Außerdem noch den Feinschmecker-Führer (Landgasthäuser und/oder Restaurants). Findet sich jährlich als „kostenfreie“ Beilage beim Feinschmecker. Für den Rhein-Neckar-Pfalz-Raum ist dann noch das Meier-Espresso ein Orientierungspunkt (auch wenn ich da oft anderer Meinung bin, was die die Bewertungen betrifft). Wer nach gut, sauber, fair suchen sollte, kann nur beim ersten Punkt halbwegs sicher sein…
    – in Österreich ist es wiederum der Slow Food Genussführer (online und/oder gedruckt – da sind uns unsere alpenländischen Kollegen etwas voraus).
    – in Frankreich ist und bleibt es (immer in Ermangelung besserer perönlicher Kenntnisse/Tipps) der Michelin (den Guide Fooding hatte ich bisher noch nicht probiert, folgt aber) und dann eben gerne wieder der „Bib Gourmand“. Die französischen Slow Food Seiten sind eher dünn gesät, aber probieren kann man’s ja mal…
    – Italien – jedenfalls der Osteria-Führer. Ansonsten die übliche Reihenfolge (s.o.). Falls es ums Roero (Piemont) geht, dann gerne mal bei Slow Food Pfalz nachfragen (die haben da ganz gute Kontakte).
    – Rest der Welt: (persönliche Empfehlungen, Slow Food, Michelin, etc.)

  2. a.k.

    Das mit dem lokalen Slowfood-Genussführer wäre vielleicht tatsächlich mal was zum Aktualisieren. Zumal es da ja auch Richtlinien gibt, an denen man sich entlanghangeln soll. Das Feinschmeckerheftchen find ich persönlich zwar ganz nett, wiederholt aber häufig doch nur den Michelin, oder irre ich mich da? Der Espresso war für mich bislang zwar beim Grundorientieren in der Region hilfreich und zeigt auch mal Neuheiten, aber bei den Bewertungen ist man meiner Meinung etwas zu ‚anzeigenorientiert‘ und erinnert mich zu sehr an vertrauliche Gespräche mit einem Bekannten, der vor Jahren für „Frankfurt geht aus“ mitschrieb.
    Und der Gault Millau ist voller Gemeinheiten….? Aha Aha. Ja wer einen feinen Gaumen hat, hat vielleicht zu schnell ein zu spitzes Mundwerk? Andererseits: Für schlechtes Essen (in der Relation) zu viel Geld bezahlen zu müssen verärgert ja jeden. Und davor wollen einen ja hoffentlich alle Gastroführer bewahren, oder nicht?

  3. Thomas Grillmeier

    Hier ein Beispiel für Gastrokritik à la Gault Millau 2012:
    „Gasthaus zur Linde: Der Niedergang dieses ehemaligen schwäbischen Vorzeigerestaurants zeichnete sich ab, heuer verabschiedete es sich ins untere Mittelmaß der belanglosen Gastronomie. Pietätvoll waren die Promi-Bilder bei unserem letzten Besuch abgehängt. Wir mussten uns folglich ganz auf völlig versalzene Rinderkraftbrühe mit Flädle- und geschmacksfreie Rinderkraftbrühe mit Maultaschen konzentrieren, konnten uns nicht vom schlecht panierten Schnitzel minderer Qualität mit Kartoffelsalat aus mehligen Kartoffeln ablenken… Nach den Saucen zu Rostbraten und Sauerbraten hatten wir den gewiss falschen Eindruck von Glutamatverwendung und bei Desserts den sicherlich ebenso irrigen Glauben, Industrie-Fruchtsoße zu schmecken. Bleibt uns nur noch der Hinweis, dass die Spätzle okay waren. Adieu!“ (vgl. http://gaultmillau.de/guides/restaurants/22534-gasthaus-zur-linde).
    Da erscheint mir ein wortkarger Michelin (dort hat das Lokal derzeit noch ein Besteck) fairer. Anstatt das Lokal einfach nicht mehr zu empfehlen, erfreut man sich beim GM offensichtlich am Totalverriss.

  4. a.k.

    Uuuhhh. Das ist tatsächlich bitterböse und weitab von konstruktiver Kritik.

  5. Ein sehr guter und wichtiger Artikel. Danke dafür! Ich selbst habe seit 1983 als großer Fan von Gault Millau fast jede Jahresausgabe (bis ca. 2005) gekauft. Heute vertraue ich dem Internet mehr. Das liegt nicht nur an den Skandalen und Skandälchen in der Tester-Szene, sondern es hängt auch mit Unvoreingenommenheit und Aktualität der Online-Portale zusammen. Mir scheint so mancher Privatkommentar ehrlicher und wahrhaftiger, als die wortgewaltigen und geschliffenen (häufig sich auch wiederholenden) Berichte der Profi-Esser. Restaurant-Kritik.de und Qype machen mir in Deutschland am meisten Spaß, Tripadvisor finde ich vor allem im Ausland spannend. Und ja: Es wäre großartig, wenn Slow Food Rhein-Neckar auch den internen Restaurantführer ausbauen könnte. Für viele Leckermäuler im Delta wäre das eine tolle Inspiration.

  6. Zu erwähnen, zu empfehlen wäre hier sicher das Buch: “Slow Food – Gasthäuser in Österreich”, gerade frisch für 2013 erschienen. Es hat mir (wieder) gute Dienste geleistet: http://www.extraprimagood.de/2013/02/10/schlaraffenland-sudsteiermark/
    Das Convivium Ingolstadt gehört in Sachen Genussführer nicht zu den Brachflächen: https://www.slowfood.de/slow_food_vor_ort/ingolstadt/genussfuehrer/gasthaus_empfehlungen/

  7. k.d.

    Danke für den sehr guten Artikel.
    „Wer testet die Tester“ liegt bei einem selber, wie Sie sehr gut auf den Punkt bringen (Anzahl Bewertungen, Sprachstil etc..)
    Bewertungen bei Tripadvisor kann man übrigens löschen lassen und dann geändert neu einstellen!
    Der Spiegeltitel aus 2007 zum Thema Hotelbewertungen im web ist immer noch gültig „Im Internet verglühen die Sterne“ .
    Die iphone app Slowfood Österreich war im Urlaub genial, 3 von 3 Volltreffern.

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