Das Geld, das Geld, das liebe Geld… oder: die kulinarische Verantwortung von Politikern

Also, da schlägt man im morgendlichen „es-ist-zu-früh-für-mich-Trott“ die Zeitung auf und blättert… Ich gestehe: Zu bestimmten Uhrzeiten bin ich noch nicht so wirklich aufnahmefähig. Ich blättere also und kippe meinen Milchkaffee runter in der Hoffnung, dass das Koffein bald wirkt.

Aber neulich. ZACK! Hellwach. Schon nach dem ersten Schluck. Und warum? Nein, kein Interview mit Petrini, kein Artikel über regionale Erzeuger, keine Erklärung: „Was ist Slowfood?“ Da steht doch so ein wunderbarer Artikel in der Zeitung, dass ich mich frage, über wieviel Hirn so manche Politiker überhaupt noch verfügen.

Um das Ganze in den richtigen Kontext zu setzen:

Vor Jahr und Tag wurde in Wiesloch ein BurgerKing eröffnet. Der Oberbürgermeister tingelte damals mal wieder hin, so wie er auch zu Kaninchenzüchtervereinen etc. zum Pressefoto hintingelt und ließ sich lächelnd ablichten. Damals meinte er im „Pressegespräch“, dass es doch sehr schön wäre, dass das Schnellrestaurant fast direkt neben dem Schwimmbad aufgemacht hätte. Das sei ja sooo toll für die Kinder und Jugendlichen. Damals bin ich schon echt implodiert. Einerseits weil sich da jemand als GEWÄHLTER hinstellt und nicht nur Null Verantwortung für regionalen Erzeuger und Bauern entgegenbringt, sondern auch noch die Kinder und Jugendlichen dazu beglückwünscht, dass sie nun einen Schnellfress fast direkt neben dem Schwimmbad haben. Vorbildfunktion Fehlanzeige. Umdenken Fehlanzeige. Regionalität Fehlanzeige. Gesundheitsbewusstsein Fehlanzeige. Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums: Fehlanzeige. Achso: Das bedeutet neue Arbeitsplätze und Wiesloch wird dadurch eine florierende und liebenswerte Stadt. Die Löhne werden weder exorbitant hoch, noch wird der Gewinn von Schnellfressketten vor Ort zu spüren sein. Insofern echt ein fraglicher Ort zur Glückwunschübergabe. Mit einem Wort: Setzen Sechs.

Aber das ist ja schon länger her und ich hatte es versucht aus meinem Hirn zu verbannen: „Weg, weg, Du böser, böser Frotzelgedanken. Hinfort!“

Aber DAS! Da steht doch ernsthaft vor ein paar Tagen in der Zeitung: Dirk Niebel – der McVorleser. Ich lese, habe innerlich zwar einen inneren Reichsparteitag – aber dennoch platze ich vor Wut. Mein lieber Herr Gesangsverein… Was macht der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in einem McDonalds? Ja wie, muss sich McDonalds entwickeln, oder wie? Okay, der Artikel ist ohnehin ein Verriss der Veranstaltung, einem Teil der Kampagne von McDonalds mit dem Vorlesen. Aha. Dort sind ja viele Kinder. Aha. Komisch, auf dem Königstuhl oberhalb von Heidelberg sehe ich am Wochenende immer Horden an Kindern rummrennen und die würden da auch geschenkte Bücher in Empfang nehmen. Oder wieso geht denn so ein Bundesminister nicht in eine öffentliche Bibliothek und liest dort vor und nimmt dort – von welchen Unternehmen auch immer – gestiftete Bücher entgegen? Achso, hups, das Ganze ist ja an ein Schnickschnack-Menü gekoppelt. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Unterm Strich: Mir ist es echt egal, von welcher Partei solche Politiker kommen. Aber wie man ernsthaft eine Industrie unterstützen kann, die eine Gesellschaft krank und dick macht, ist mir ein Rätsel. Und wer weiss, was die für Löhne bezahlen…? Für einen Moment überlege ich, ob ich Filme wie „Supersize me“ oder „We feed the world“ oder „Food Inc.“ an das Ministerium verschicken soll. Gleichzeitig komme ich mir vor wie eine zickige besserwisserische Altkluglerin, die noch die Hoffnung hat, dass Politiker auch mal nicht nur durch Großkonzerne wie Hampelmänner gesteuert werden. Gedanklich patsche ich mir auf die Finger „Lass das. Lohnt net.“

Ich warte noch darauf, dass sich mal solche Politiker bei ein paar Bauern ablichten lassen, bei der die Bauern mal glücklich kucken. Ah Mist, da gibts ja kein Hochglanzumfeld. Und Landwirtschaft ist ja auch ein ganz schwieriges Feld, weil sie häufig nicht viel verdienen. Da tragen so Kartoffelkartelle auch ihr Schärflein bei. Wieso will nur kaum ein Politiker eine Stadt zu einer „Slow City“ machen? Wieso überlegen sich die Politiker nicht, dass nächtlich geöffnete Schnellfress-Orte mit richtig gesetzten Anreizen auch nicht nur gesünder für den Körper, sondern auch wirtschaftlich langfristig für die Umgebung gesünder zu machen..?

Wieso machen nicht nachts regionale Bäcker für Nachtschwärmer ihre Backstube auf (wenn sie ohnehin schon arbeiten), wie ich das kannte, als ich im Alter von 18 mit Freunden vom Tanzen kam und völlig ausgehungert war? Nie werde ich die Gesichter der lachenden Bäcker in Ulm vergessen, die nachts um 3 Uhr am Hintereingang der Backstube sagten: „Hallo, kommed nor rei! Die erschde Bräzla send scho ferdig.“ Und dann stand man da mit 30-40 anderen Nachtschwärmern in der Schlange und brachte seinen Eltern gleich noch das Frühstück mit. Ich empfand das damals als „zumindest slow eingekauft“, wenn ich die Brezel auch – wenig slow – ausgehungert runtergeschlungen hatte. Im Nachhinein fand ich das aber immer noch weitaus besser, als die üblichen Schnellfressbuden.

Eine soziale Verantwortung und gedankliche Kreativität findet man dann doch bei überaus wenigen Politikern, könnte ja schlecht fürs Image sein. So ein kleines Rumpelstilzchen hüpft durch mein Hirn und trötet „Heute back ich beim Schnellfress, morgen brau ich Zuckerbrause und übermorgen hol ich der Gesellschaft ihr Geld und Gesundheit.“ RUHE JETZT!

Das war mein Wort zum Sonntag. Schnell eine Valium und morgen ist wieder alles gut.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Ernährung

Eine Antwort zu “Das Geld, das Geld, das liebe Geld… oder: die kulinarische Verantwortung von Politikern

  1. DANKE!! Die Marken so zu erzählen, das kann nicht jeder! Ich lebe als Deutsche dort und bin ausserdem auch Guide. Also nochmals danke für die liebevolle Beschreibung. Sabine Jacobs – Gradara (PU)

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