Le Marche – die Marken. Oder: Die Toskana ohne Touristen.

La crisi, c´è la crisi…

Ich kann es langsam nicht mehr hören. „C´è la crisi, c´è la crisi.“ Dieses Mal beginne ich nur leider langsam zu verstehen, dass es um Italien doch schlechter steht, als ich dachte. Die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen steigt langsam immer höher, sie liegt zwar noch nicht so hoch wie in Griechenland und Spanien, aber es macht keinen Spaß mehr sich mit jungen Leuten zu unterhalten, die erzählen, dass der halbe Freundeskreis arbeitslos ist und auch nichts findet. So geschehn in den Marken, in einem Laden mit einem etwa 25jährigen Familienvater, der nur noch halbtags arbeiten als Aushilfe arbeiten konnte und sonst keinen Job findet.

Genauso absurd ist es im „Venerdi“ (dem Wochenmagazin der Repubblica) zu lesen, wie Leute massenhaft den Lebenslauf abändern, den Universitätsabschluss verschweigen, um auch bei angebotenen Sekretariats- oder Maurerjobs überhaupt noch eine Chance zu haben. Wie bitter…

Beim Urlaub im gelobten Slowfoodland verschliesst man zeitweise lieber die Augen, sonst sitzt man irgendwann frustriert im Liegestuhl und fragt sich, was man wohl an der Stelle der Italiener besser machen würde. Einerseits bilde ich mir ein eine wage Vorstellung davon zu haben, dass viele Probleme vielleicht teilweise doch hausgemacht sind: Die Mischung aus einer unüberwindbaren Bürokratie, die Unternehmensgründungen alles andere als erleichtern, eine Politik, die vor Korruption und Egomanie nur so strotzt durchtrieben ist – und dann noch eine Outlet-Manie, die ich nirgends in Italien ausgeprägter gesehen habe, wie in den Marken. Das angehechelte teure Label mit hoher Qualität zum gerade noch erschwinglichen Preis – zum Lasten der Einzelhändler in den Innenstädten, die reihenweise zugunsten von Beton-Vorstadt-Centern schließen. Im Grunde eine Art erweiterte Slowfood-Problematik. Beim Essen sagen mittlerweile dann doch immer mehr Menschen: Bitte regional und bio. Aber bei der Kleidung hört der heere Gedanke der Nachhaltigkeit dann auch gleich wieder auf – und der Hase Läuft dann aber doch ganz anders.  Da sagt kaum jemand „Ich kenn eine gute innovative Schneiderin, die schneidert coole Shirts.“ weil man bei örtlich produziertem vielleicht doch immer den Gedanken des „Öko-Ringelpulli-Optik“ hat. Das liegt vielleicht auch daran, dass Textilindustrie/Manufakturen in Deutschland nur noch absolute Mangelware sind, mal abgesehen vom türkischen Änderungsschneider um die Ecke, die vielleicht noch nebenher ein paar coole Shirts auf Dawanda vertreibt.

Bei Klamotten heißt es doch häufiger: „Warst Du schon in Italien in dem Outlet von Prada-Gucci-Tod’s.. in….?“ der Spruch, der auch auf Deutsche längst übergegriffen hat, dass einem schlecht wird. „Warst Du im Foxtown?“ „Warst Du in the Mall bei Florenz?“ Der einzige Gegenstrom sind dann so Projekte wie Dawanda und Etsy, wo man mal was anderes findet, als den üblichen Massenkram. Selbst Aldo Cazzuolo hat nicht umsonst ein Buch „Outlet Italia“ genannt, in dem er diesen  falschen Weg bemängelt. Würde ich sagen: „Ich kaufe bei Fleisch beim Metzger-Outlet ein, da ist die Qualität für das Fleisch von der Vorwoche super – und ich fahre dafür auch 100km weit.“ würde mich garantiert jeder ansehen, als ob ich nicht mehr normal wäre. Normal ist es allerdings dann doch nch… Metzingen, Zweibrücken, Wertheim und Co zu tuckern. Langfristig gedacht: Nein.

Was habe ich es als Kind geliebt auf einem italienischen Wochenmarkt mit meinen Eltern ein neues T-Shirt oder so zu bekommen: In den 80ern war das irgendwie noch cool, stylish, bezahlbar (aber nicht H+M-Preis) und man konnte sicher sein, dass die Nebensitzerin nach den Sommerferien in der ersten Stunde neidisch am neuen neongeprinteten T-Shirt rumzupfte, an diesem gefühlten Unikat aus Italien.

Heute gibt es auf außerordentlich vielen Wochenmärkten in Italien fast nur noch 10-Euro-China-Ware auf der steht „Made in Italy“ – häufig in Prato hergestellt, DER China-Stadt in Italien, in der Zustände herrschen, wovon kaum ein Mensch etwas hören noch sehen mag. Es ist doch ein Witz zu glauben, dass man ein Shirt für 10 Euro zu einem fairen Lohn erstellen konnte…. Da kann „made in italy“ draufstehen und unterm Strich heißt es garnichts mehr.

Aber zurück zu den Wochenmärkten: Den einzigen lohnenswerten Klamotten-und Schuh-Wochenmarkt, den ich noch in Italien kenne ich Mittwochs in Forte dei Marmi in der Versilia (an der toskanischen Küste), der – noch – erfrischend anders ist und noch einer der wenigen Märkte ist, wie ich ihn aus meiner Kindheit kannte. Eben anders, italienisch-cool, bezahlbar und doch null-komma-null ramschig – und auch nur deswegen dort, weil um Lucca-‚Pisa-Florenz nach wie vor noch sehr viel Kleidungsindustrie angesiedelt ist.

Aber der Reihe nach: Von Nord nach Süd:

Ein kleines Abstecherchen musste neulich dann doch in Mailand sein. Wenn man Mailand noch nie besucht hat, von dem Großstadtstress potenziell ganz kirre wird (ich fühle mich da immer ganz besonders lebendig wie ein im Fisch im Wasser) und nach einem „anderen“ Übernachtungsmöglichkeit sucht, dem sei das von mir neulich aufgesuchte B+B Rosso Segnale empfohlen, eine Art Boutique Bed-and-Breakfast – gepaart mit einer kleinen Art-Gallery Konzept, betrieben von einem so gastfreundlichen Pärchen aus dem Bilderbuch: Alberto und Raoul. Von der Straße aus nicht sichtbar, aber im Inneren eine Mischung aus skandinavisch-französisch-Londoner Edelvilla in der Neuzeit angekommen. Hier wird mir klar: Die Italiener können das einfach. Sie brauchen nur Selbstvertrauen und eine ordentliche Portion Mut zum Sprung ins kalte Wasser.

IMG_3436

Jasminduft, der durch den ganzen Hinterhofgarten des Rosso Segnale zieht…

IMG_3433

Der Hinterhof des stylishen und unglaublich ruhigen Mailänder Bed+Breakfasts: Il Rosso Segnale (Die Rote Ampel)

Die beiden Betreiber erzählen mir zaghaft, dass im Umfeld alle Freunde und Bekannten meinten „Seid Ihr völlig verrückt?! So ein Projekt inmitten der Krise?“ ABER: Raoul und Alberto machen das JETZT, weil sie es wollen, weil sie ihr ganzes Herzblut mitbringen. UND (!) weil sie der Meinung sind, dass die Politik und die Medien die Leute wahrlich mit schlechten Nachrichten vergiften, sodass sich noch kaum einer traut eine neue Unternehmung zu wagen.

IMG_3432

Und ein paar Meter weiter: „Unica e diversa da tutte“ – (Einzigartig und anders als alle anderen.)

IMG_3430

auf dem Weg zur Trattoria Mirta… „Concetta, ti amo“ (Concetta, ich liebe dich)

Dann noch ein abendliches Abstecherchen in das Slowfood-Lokal „Trattoria Mirta“ zu cremigen Kalbspaté-Kugeln auf krossem frischen Brot , ein Carpione zum niederknien und hinterher ein Gorgonzola-Eis mit Schokolade – und Mailand hat schon jegliche Hektik verloren und man könnte auch in irgendeinem Dorf mitten in Italien sein…

Slowslowslow geht es dann weiter in die MARKEN:

Landschaftlich teilweise so vielfältig wie die Toskana. Auch Hügellandschaften, lange Strände mit den italienischen Strandbädern, aber auch fast karibisch anmutende Meeresbuchten bei Portonovo. Hier der Ausblick von unserem gemieteten Häuschen inmitten einer herrlichen Hügellandschaft unweit von Jesi.

IMG_1812

Selten haben wir so gelacht wie in dem Feinkostladen allererster Güte „Bontà delle Marche“ in Ancona. Wir kommen mit dem Delikatessverkäufer ins Gespräch, er frohlockt über den deutschen Wein, der doch vielfach unterbewertet sei….ach war es doch an der Mosel schön. Wir sprechen über deutschen Wein und landen wieder beim Essen und sind uns doch einig: Italien kann kulinarisch gesehen doch mehr,  wahrscheinlich auch weil hier einfach weil die Natur viel längere Vegetationsperioden hat.

„Eh si… siamo Italia!“ er lacht stolz.

Ich frohlocke, ach was Italien denn nur alles hat… Design, Mode… und… der Verkäufer frotzelt dann doch…

„Ja und Berlusconi haben wir, der ins Gefängnis geht.“

Ach stimmt, da war doch was: Die Ruby, die ihm zum Verhängnis wurde, oder so ähnlich.

Ich frage irritiert „Ja sitzt er denn jetzt tatsächlich im Gefängnis?“

Der Verkäufer faltet kurz seine Hände wie zum Gebet:

„Ma signooora…. ma qui siamo in Italia. Non andrà maiii in carcere.“

(„Aber Madame, wir sind hier doch in Italien. Er wird niiie ins Gefängnis gehen.“)

Wie brechen alle gemeinsam in schallendes Gelächter aus. Wie konnte ich nur vergessen, dass Berlusconi an jeglicher Rechtstaatlichkeit immer wieder vorbeikommt. Wir lassen uns gekochte Crocette einpacken („Kreuzchen“ – Meeresschnecken, die man wie ein Staubsauger auszutzeln muss wie eine Weisswurst), gefüllte Calamaretti (mit einer Farce aus Gemüse, Thunfisch, Garnelen und Scampi) und einen frischen Pulposalat allererster Güte. Wir laufen bitter-süß-lachend aus dem Geschäft weiter durch ein Land, das Berlusconi nicht einzusperren vermag….

Aber weiter zu Ancona, einer doch irgendwie seltsamen Stadt: Einerseits eine Mischung aus wenig prickelnder Peripherie, Hafenstadt und dann doch ganz netter Innenstadt und am Hügel Richtung Süden mit einer beeindruckenden Villengegend. In der Innenstadt laufen uns dick tätowierte Halbstarke an Fein-Fein-Damen vorbei. Irgendwie schon eine sehr skurrile Mischung, zumal wir in keiner wirklichen Großstadt sind…

Genauso sieht auch das Publikum in der Trattoria „Da Irma“ aus, in dem wir in der recht lauschigen Laube zu Mittagessen. Neben uns sitzt eine Gruppe von acht halbstarken von oben-bis-unten-tätowierten Punks, bei denen man sich fragt, ob sie gleich noch in aller Öffentlichkeit einen Joint im Kreis rumgehen lassen oder mit einer Bierflasche im Spaß rummwerfen. Aber sie sind alle gut gelaunt, feixen untereinander nur ein bisschen wild herum und wir sind beruhigt. Daneben die Fein-Fein-Dame, die auch eine Gräfin oder sonstwas sein könnte, mit einem Ehemann mit dunkelblauem Polo, beiger Bügelfaltenhose und blankgeputzter Edelmokkasins, heute im legeren Look. Oder der normale Hafenarbeiter mit seiner Ehefrau, die kurz zum Mittagessen da sind.

IMG_1814

Oder die neureiche russische Familie, die von der Karte nichts verstehen, sich von einer transsexuellen Brasilianerin mit ordentlichem und bravem Chihuaua-Hündchen in gebrochenem Englisch erklären lassen und ohne System kreuz und quer von der Karte bestellen: Erst gegrilltes Fleisch, dann Salat und dann einen Teller Pasta. Aber den russischen Kindern scheinen die Penne mit Sardinen so supergut zu schmecken, dass sie den Eltern nichts mehr abgeben möchten, sodass der Teller kräftig mit sämtlichen Besteck verteidigt wird. Insofern… alles in Butter…

Wir versuchen die Spaghetti con Vongole. Mein absolutes Lieblingsessen, das ich mir jedes Jahr zum Geburtstag wünsche. Einfach frische Vongole in eine große Pfanne geben, Knoblauch, Weisswein und Olivenöl dazu. Und das blubbern lassen, bis die Muscheln aufgehen. Bitte keine Tomaten oder sonstwas dazu. Das übertüncht nur den Meeresgeschmack. Und im „Da Irma“ schmecken sie einfach genau so, wie sie nun mal schmecken müssen, dass ich selbst jetzt noch Wochen später danach lechze.

Danach probiere ich den „Stoccafisso all´Anconetana“ – den Stockfisch nach Ancona-Art. Auf dem Foto leider schon angegessen, aber ich musste einfach gleich loslegen, bis mir einfiel,  dass man das ja vielleicht doch fotografieren könnte. Auch sehr lecker, aber doch kein Vergleich mit den Vongole, was vielleicht auch meiner persönlichen Vorliebe liegt. Schon seltsam, dass man direkt am Meer, gepökelt-getrockneten und wieder eingeweichten Stockfisch isst. Aber die Portugiesen machen es ja auch…

DSC00228

… leider musste ich gleich losessen und kam erst dann auf die Idee ein Foto zu machen…

DSC00231Und weil wir bei Irma direkt am Hafen sind und man sich auf Fisch spezialisiert hat, versucht man uns auch garnicht erst ein Industrie-Dessert anzubieten. Sehr schön. Es gibt schlichtweg keine Desserts. Ausserdem ist die Innenstadt nicht weit und dort könnte man sich noch zu einem „Caffè“ noch was anderes genehmigen. Il prezzo finale (für 2 Personen, für jeweils zwei Gänge inklusive Wasser, Wein und Espresso): 37 Euro totale. Will heißen: Hungrig hinrennen und mitessen.

Was man in Ancona nicht verpassen sollte: Den Arco Traiano, keine 300m von der Pergola-übersäumten „da Irma“ entfernt. Ein überaus imposanter fast 2000 Jahre alter Bogen, der skurrilerweise mitten im Industriehafen steht. Gaaanz seltsam. Aber doch beeindruckend. Genauso beeindruckend ist der Dom von Ancona auf dem Hügel, den wir natürlich zur Mittagshitze um 15 Uhr erklimmen mussten. Es war natürlich klar, dass die  Öffnungszeiten um 15.40 Uhr und so dümpeln wir unter ein paar Bäumen auf einer Parkbank auf die Öffnung „einer der schönsten Kirchen Italiens“ (so schreibt das unser Reiseführer). Nun.. hmm… der Dom war zweifellos sehr schön, …. aber als eine der schönsten Kirchen… hmm… hmm… Naja. Für die wartend verbrachte Schwitzzeit unter den Bäumen neben der Kirche entschädigte jedenfalls der Blick über das Meer. Strahlend blau – fast grün und die Schwalben fliegen mit einem „wittwitt“ vorbei und segeln im Aufwind vom Meer her. Zurück zum Dom: Hier liegen die mumifizierten Gebeine von Sankt Cyriakus, vollständig „all´italiana“ im Glassarkophag zu sehen. Mein protestantischer Verlobter verzieht überrascht das Gesicht „Ääähhh… Ihr komischen Katholiken wieder…“ so als ob ich Sankt Cyriakus persönlich in den Glassarg gestopft hätte.

Dann waren wir noch in Senigallia, die Stadt mit dem samtigen Strand. Wohlgerühmt wurde die Stadt von unserem italienischen Feinkosthändler zu Hause. Er hatte Recht, wirklich ganz süß…. insbesondere die hinteren Straßenreihen in der Nähe des Theaters sind viel spannender als die vermeintliche Hauptinnenstadt.  Und wir finden dank Osterie d´Italia mal wieder etwas zum Essen im Rimante, recht versteckt, aber mit einem überaus sympathischen Kellner. An das Restaurant ist auch ein Salon de Thé mit allerhand kulinarischen Sünden angeschlossen, die man besser nicht näher in Augenschein nimmt…

Ich probiere im Rimante jedenfalls einen Budino di Ricotta (sehr viel Ei drin…) und danach als Secondo eine märkische Frittata Mista. Das heißt also: Paniert-frittiertes Kaninchen, paniert-frittiertes Schwein, paniert-frittierte Sardellen, frittierte Julienne-Karotten und Julienne-Kartoffeln, paniert-frittierte süße Sahne (was ungefähr schmeckt wie panierter Käsekuchenkugeln) und zu guter letzt mein Favorit: Olive all´Ascolana: Spiralförmig geschnittene Oliven, gefüllt mit einer Fleischfarce, das ganze paniert und frittiert.

Mein Verlobter frohlockt über ein ganz außergewöhnlich gutes Rindercarpaccio mit Agrumi (mit feinen Grapefruit-Orangen-Zesten). Eine superlecker-leichte sommerliche Vorspeise! Danach Agnello alle Erbe. Meeresspezialitäten sucht man im Rimante vergeblich, auch der  Zugang zum örtlichen Wein bleibt uns irgendwie verschlossen (oder wir sind noch nicht so weit?) und wir laufen mit unglaublich schweren Mägen (ich platze!) zum Auto und das obwohl wir den ganzen Tag fast nichts gegessen hatten…

Ach und welche Sehenswürdigkeit man sich in den Marken keinesfalls entgehen lassen sollte: Die Grotte von Frassassi.

(Fotographieren war leider verboten) Etwas eigenartig ist, dass man erstmal auf einem großen Platz parkt, um dann mit einem Bus zum Haupteingang inmitten einer Schlucht gefahren zu werden. (Anders wäre das logistisch wohl kaum zu bewältigen). Und das sind dort NICHT nur ein paar Höhlchen der Sorte: 4x4Meter und einem Führer, der kaum was zu sagen hat. Sondern eine Ansammlung an Grotten bzw. Höhlen, in der bei der größten Grotte der Mailänder Dom reinpassen würde (!) dass einem beim ersten Anblick echt der Atem stockt. Stalagmiten und Stalaktiten in allen Größen, Formen und Variationen. Der italienische Höhlenführer gibt uns einen (italienisch-kulinarisch) geprägten Überblick:

Da links hängen beispielsweise die Tropfsteine in Spaghettini-Form, dann auf der linken Seite ragt aus einem Spalt eine Pancetta (Speck) raus, später kam noch ein Lardo (toskanischer weisser Kräuterspeck). Wir lassen uns von seinen Vorschlägen inspirieren und erkennen ganz von selbst noch eindeutig ein paar Profiteroles und diverse Pilze, von den Unmassen an dicker Quattro-Formaggi-Soße mal ganz zu schweigen. Dann zeigt er uns noch das Damokles Schwert von 5 Metern Länge über uns, ein Gnom, ein Schaf, ein Reiter, ein Riese, eine Madonna und alles in Tropfstein-Form. Einfach herrlich.  Tropfsteinvariationen in den abartigsten Formen. Ein Wunder, dass hier nicht Massen an ausländischen Touristen strömen. In der Zeitung stand was von 4000 Ausländern im Jahr, wenn ich mich recht erinnere. Etwa ein zwanzigstel aller dortigen Touristen. Eigenartig wenig. Im Grunde müsste das so eine Art Neuschwanstein Italiens werden, finde ich…. Wir machen danach noch ein Abstecherchen nach Fabriano, der Wiege der italienischen Papiermanufakturen bzw. der Papierindustrie und der Wasserzeichen. Und nehmen von dem handgeschöpften „slowen“ Papier mit, über das man immer wieder drüberstreichen will, weil es so fein und elegant ist und während wir es in den Händen halten, beschließen wir, dass wir das Papier bei der nächsten Feier als Menükarte bzw. Tischkarten zu benutzen…

Das absolute Highlight unserer Markenreise war aber „La Cena sotto le Stelle“ (Abendessen unter den Sternen) in Jesi. Man stelle sich eine Renaissance bzw. Barock-lastige Innenstadt vor – mittendrin aber eine gerade Straße, die sich ungefähr einen Kilometer lang zieht. Und da fand dann ein 350-Meter-lange-Tafel-Essen mit Tausend Personen statt. Eine Riesentafel mittendrin und wir dabei. Herrlich. Das Ticket hatten wir Tage zuvor gekauft und hatten dann nach einer Suche endlich unseren numerierten Platz gefunden.

IMG_1816

Am Besten war es, dass man uns erstmal garnicht glaubte, dass wir Touristen wären. „Wie? Touristen in Jesi? Gibt es das? Und dann noch bei diesem Abendessen hier?“ Wir haben wohl so eine Art Seltenheitswert und spricht von der „Ehre“ neben uns sitzen zu dürfen. Wir lachen und unterhalten uns mit unseren Tischnachbarn Raffaele (Ingenieurswissenschaften-Doktorand) und seiner Freundin Valentina (Konditorin!!! Das ist doch ein Zeichen!!) über…. über alles. Reisen in Deutschland, Reisen in Italien, die Marken, Toskana, Rom, das Meer, die schönsten Strände der Umgebung, Ausflugsziele, Medien, Politik, Berlusconi, Sprachen, Spezialitäten, Wein, Bier, Wurst, die von Raffaelle geliebten Krauti (!!), la Crisi und die Vorzüge der Marken, die man im Ausland nicht so recht vermarkten will oder kann, die besten Friseure im Umfeld usw.

Dann kommt irgendwann unser Essen: Lasagne col Ragu als Primo (ottimo) und Arista con Patate als Secondo (ganz ok) und eine Zuppa Inglese (naja). Mit Wasser, Wein und Brot pro Person zu haben für 18 Euro. Was preislich echt okay ist. Unterm Strich eine sehr spannende Angelegenheit und so eine Art Schnittmenge aus „Notte Bianca“ (Verkaufsoffene Nacht) und Diner en Blanc – und entspricht jedenfalls schonmal dem schönsten Klischee des italienischen Lebensgefühls. Und weil wir als Touristen offensichtlich so einen Seltenheitswert haben, führen sie uns Raffaele und Valentina anschliessend noch etwa 1-2 Stunden durch das gesamte Jesi und zeigen und sie schönsten verborgensten Ecken, die wir alleine nie gefunden hätten.

Zwischendurch noch eine Hochzeitsgesellschaft auf offener Straße…. Einfach herrlich!

Ich finde sowieso, dass es so etwas wie Tourismus-Patenschaften geben sollte. Da kommt man mit den Leuten ins Gespräch, versteht viel schneller ihre Stadt, ihre Lebensart und jeder hat einen Austausch davon, der einem manches Mal eine andere Sicht auf die Dinge beschert.

Ähnlich verhält es sich beispielsweise mit den Schnellfress-Ständen am Parkplatz bei den Grotte di Frassassi: Im Grunde eine merkwürdige Ansammlung an Souvenir-Shops und Fressständen, wenig sehenswert und auf den ersten Blick mehr Touristenquetschen als sonstwas. Aber!

Wir wurden von Raffaele und Valentina darüber aufgeklärt: Es gibt wohl einige Jesianer die am Wochenende absichtlich bis nach Genga (immerhin 30km) fahren, um dort die Panini mit Porchetta (so eine Art Spanferkelbratenschinken, das es in Italien häufig am dem Wochenmarkt oder auf Jahrmärkten zu kaufen gibt) zu essen.  Also jedenfalls wäeren die Porchetta-Panini in Genga wohl die weithin die besten überhaupt. Wir staunen. Touristenquetsch-Stände als Porchetta-Spezialitäten-Stand…? Seltsam. Aber das muss man halt erstmal wissen… Und vielleicht liegt es auch daran, dass Jesi ansonsten bei unseren Tischnachbarn eher als „Città morta“ gilt  und einem in Jesi sonst nicht viel einfällt. Aber was solls. Sie geben zu, dass es leicht ist über die eigene Stadt zu jammern, aber dass es im Grunde wohl das Beste wäre selbst etwas zu tun. Aber da wären viele Jesianer wohl zu bequem. Bemerkenswert war wirklich die gastfreundliche kostenlose 2stündige-Einheimischen-Führung durch Jesi mitten in der Nacht. In der Toskana hätte wahrscheinlich jeder andere längst abgewunken: Achgott, noch ein Tourist…. Bis auf Paolo, mein alter Bekannter aus Viareggio vielleicht. Aber das ist eine andere Geschichte……

Fazit: Hungrig wiederkommen. Am Besten im Herbst, dann liegen einem die märkischen Fleischspezialitäten nicht so schwer im Magen… Und eins wird uns in den Marken klar: Direkt am Meer bekommt man Fisch, fährt man allerdings nur 15km ins Hinterland,  ist es nahezu unmöglich in Restaurants (guten) Fisch bzw. Meeresfrüchte überhaupt zu bekommen.

Herrlich war auch der karibik-artige Strand in Portonovo. Bestenfalls sollte man diesen unter der Woche besuchen, da er im Hochsommer am Wochenende von Horden und Horden an Touristen überrannt wird und alles etwas unentspannter zugeht. An diesem Strand liegt dann auch noch das Lokal „Da Marcello“. (RESERVIEREN!)  Wir hatten ja echt ein wenig Bedanken: 3 Slowfood-Lokale in einer Reihe direkt am Strand in allerbester Lage? Schon seltsam. Aber  unser Restaurant ist…… also.. .also… mein lieber Herr Gesangsverein. Marcello, ein Vollblut-Slowfood-Förderer und hochprofessioneller  Restaurantbetreiber, wie man ihn sich wünscht. Er ist überaus höflich, als wir kurzfristig von der Sonnenliege aufstehen und einen Tisch für 45 Minuten später reservieren „Signori Smiiit, giusto?“ Er serviert uns allerbeste Meeresfrüchte und Fisch, macht mit uns „Barzelette“ (locker flockige Witzchen, dass der tiefenentspannte Urlaub noch tiefenenspannter verläuft), fragt mehrfach nach ob alles in Ordnung ist und bietet Fisch und Meeresfrüchte zum Niederknien an. Die Moscioli selvatici (Wild-Miesmuscheln) (sprich: Móscholli selwatitschi) sind die Spezialität, aber ich kann man wieder nicht bei dem gemischten Antipasto del Mare nicht widerstehen. Das war das herrlichste-Fisch-Antipasto des ganzen Urlaubes, nach reiflicher Überlegung muss ich sagen: Das beste Meeres-Antipasto das ich je gegessen habe. Eine Schale Vongole, eine Schale Moscioli, eine Schale Meeresschnecken und diverse Gamberi und… Calamaretti und… irgendwie hab ich jetzt noch ein paar Schalen vergessen. Aus unerfindlichen Gründen hat unsere Kamera an diesem Tag gestreikt. Das wären mit Abstand die allerschönsten Karibik-Fotos mit blau-grünem Meer geworden, mit dem allerbesten Fisch…  und das in den Marken. Das glaubt mir ohne Fotos jetzt ja eh keiner 😦

DSC00297

Noch zum Abschluss ein kleines Fotochen von den Sünden der Gelateria/Pasticceria in Moie. Ich schwöre hoch und heilig, als ich das erste Mal zu diesem weissen Traum-Törtchen sah, winkte es mit einer 1×1-Meter-großen weissen Fahne wie ein Fluglotse, dass ich schnell reinkommen solle, um es mitzunehmen. Der Sinne benebelt, nahm ich es mit.. Im Feriendomizil zurückgekommen plaudern wir ein wenig, ich trinke einen Espresso, es erzählt über seinen Pasticere, die Sahne, der Joghurt und der fluffige-cremige-und-doch-halbsteife Baiser-Schaum aus dem es hergestellt ist – und dann bietet sich das Törtchen zum essen an. Selbstverständlich habe ich mich so lange zurückgehalten, bis es sich selbst angeboten hat. Ein Törtchenkenner weiss das, dass man da höflich zu fragen hat. Sonst ist der Genuss versaut.

Fazit: Die Marken sind landschaftlich gesehen relativ ähnlich wie die Toskana – nur ohne Touristen und teilweise zum halben Preis. Es muss aber gesagt sein, dass man dennoch merkt, dass die Region merklich ärmer ist, als die Toskana…

P.S.: Was ich längst mal noch schreiben wollte ist: In Italien sollte man  UNBEDINGT einmal im Leben einen kulinarischer Schlawenzel-Lauf gemacht haben.

Viele nennen es „Demetra“ (kulinarischer Spaziergang durch einen Park oder ein Dorf oder ähnliches), aber ich könnte wetten es gibt noch andere Namen dafür. In Erinnerung geblieben ist mir beispielsweise „Corni e Pecc“ (Hörner und Zitzen) ein Art Dorffest in Grantola im Varesotto ( Zwischen dem Lago Maggiore und Varese) sehr auf Ziegenkäse. Polenta und ähnliche Produkte ausgerichtetes Fest- In diversen privaten Hinterhöfen blubberte da wahlweise Polenta, oder auf einem Ziegenkäsehof gab es frisches Ziegeneis, beim manchen Dorfbauern gab es einen „Tagliere“ ein Brett mit Schinken- und Salami-Aufschnitt.

Oder noch besser in der Toskana: „La Festa della Fragola“ in Capezzano Pianore auf einem Parkgelände einer alten Villa in der Nähe von Lucca/Pisa, dem besten, was ich jemals erlebt habe: Am Parkeingang zahlte man einmal Eintritt von etwa 10-15 Euro, bekam ein Besteckset, eine Papierserviette und ein Glas Rotwein ausgehändigt und konnte dann losschlawenzeln: Etwa 20 Essstände mit regionalen Spezialitäten (Crostini-Creme, Schinkenhersteller, Lardohersteller, Dinkeleintopf, örtliches Brot, Pasta, Mangold-Tartes, Kääääselandschaften und immer wieder Wein … zwischendurch etwa 6-8 Weinstände von ausgesuchten Weingütern.

P.S.: Zum Abschluss eine Pfanne privat gekochter Muscheln (den Namen hab ich leider wieder vergessen, das sind jedenfalls die Muscheln, die relativ groß sind und außen eine braune glänzende Schale haben), die ich ganz alleine aufgegessen habe, weil mein Verlobter „leider“ keine Lust auf Muscheln hatte. Ein Jammer 😉

DSC00257

PP.S.: Und so sehen in italienische Hochzeitsautos in Jesi aus…

DSC00178

Und so deutsche Hochzeitsautos im Kraichgau:

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter In eigener Sache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s