Sprechendes Gemüse – oder: Die kulinarischen Höhepunkte des Aostatals….

Monte Cervino (= Matterhorn von der Südseite)

Il Monte Cervino (=das Matterhorn) – der Lieblingsort von hochalpinen Suppen

Kennen Sie das, wenn Gemüse mit Ihnen redet?

Also ich kann nicht sagen warum, aber manchmal redet Gemüse mit mir. Es erzählt mir, dass es bald in den Kochtopf will, um nicht zu labbrig zu werden. Und natürlich bald gegessen werden will. Wahlweise erzählt es auch, mit wem es – und auf welche Art es gern im Kochtopf landen würde. Und natürlich spricht es verschiedene Sprachen:

Zum Beispiel sprechen Karotten häufig kurpfälzisch oder französisch, sind seltsamerweise häufig unhöflich (stellen sich nicht als Karotten vor, das sei ja wohl bekannt)  aber merkwürdigerweise sind sie dann doch recht unkompliziert. Will heißen: Man kann sie leicht umstimmen, dass man sie lieber in die Tomatensoße raspeln würde, als sie zu einer Karottensuppe zu verarbeiten. Ähnlich verhalten sich beispielsweise Zwiebeln und Sellerie. Achja, neulich sah der Kühlschrank echt leer aus, eine halbe Sellerieknolle und zwei Äpfel sahen nicht gerade verlockend aus. Die Sellerie winkte und murmelte was von „Lass mich ein Waldorf-Salat sein“ … und da fiel es mir wieder ein! Ein so simpler und doch so wunderbarer Wintersalat, den man viel zu selten zubereitet. Und man kann ja Mayonnaise und Sahne mit einer leichten Joghurt-Vinaigrette ersetzen.

Temperamentvoller sind Chillis. Die sprechen italienisch – manchmal auch spanisch, machen häufig einen auf Macho und lassen wenig mit sich diskutieren mit wem sie verkocht werden wollen, geschweige denn umstimmen. Außerdem müssen sie unbedingt jedes Gericht dominieren….

Käse spricht ja nach Herkunft häufig schwizerdütsch, französisch oder italienisch und kann charmant bis bockig sein, wahlweise auch depressiv. Beispielsweise hat sich mir mal auf einem Käsewagen im Piemont mal ein sehr höflicher Castelmagno vorgestellt. Er erzählte mir von seinen entfernten Verwandten im Valle Stura und wie er seine idyllische Kindheit verlebt habe – und dass er keinen Käse kenne, der so alt sei wie er. Er sei zwar zugegebenermaßen recht nah mit Stinkesocken verwandt, aber das wisse kaum einer, da ihm nie jemand zuhöre. Beim puren Verzehr wären dann viele Leute über den Geschmack entsetzt. Deswegen habe er auch häufiger eine Depression, da man ihn völlig im Wesen verkenne und allenfalls als Soße mit zu viel Sahne verarbeiten würde.

Raclettekäse ist hingegen charakterlich recht langweilig. Er lächelt immer, verspricht, dass er bei jeder Raclettepfanne dahinschmilzt und super schmeckt. Diskussionen gibt es  mit ihm nie, da er (egal was man ihn fragt) ohnehin immer nur „ja“ sagt. Keine Diskussion, nix nix nix. Charmant ist hingegen der „Dolce Latte“ („süße Milch“), ein naher Verwandter des Gorgonzola. Man könnte ihn auch den Süßholzraspler unter den Käsesorten nennen, da er immer so tut, als habe er keine Kalorien, was natürlich schlichtweg gelogen ist.
Dann gibt es noch Backwaren, die mit mir reden. Holzofenbrote mit knuspriger Kruste sind meistens Naturburschen, die nach Butter und Schnittlauch verlangen und bayrisch mit mir reden. Häufig sagen die mir auch: Jo legstn Radi neben mi und donn konnst mi essn‘. Schwieriger sind reine Roggenbrote, besonders die ganz schweren Vollkornvarianten. Die sind häufig zickig. Marmelade ginge ja mal garnet. Alt werden mögen sie auch net, da ginge ihnen ja die Saftigkeit aus. Und wenn sie trocken sind, könne man sie ja wohl nicht in einer Suppe überbacken oder in einem Brotsalat enden ginge ja überhaupt mal garnet… Ganz schwierig.
Dann gibts noch Croissants. Die meisten in Deutschland lebenden Croissants sprechen erstaunlicherweise hochdeutsch und kein Wort französisch. Sie sind häufig nur fettig, wenig kross und in Kaffee getunkt werden möchten sie auf GAR keinen Fall. Und wenn sie gefüllt sind, dann reden sie ohnehin garnicht, da sie sich darauf konzentrieren einem später schwer im Magen zu liegen. Trifft man auf ihre vermeintlichen Verwandten in Frankreich, streiten die als allererstes die Verwandtschaft mit den deutschen Croissants ab. Wenn man darüber mit ihnen diskutieren will, sind sie meist tödlich beleidigt. Ähnlich verhält es sich mit den italienischen cornetti oder brioche. Die fühlen sich in einem morgendlichem Cappuccino-Schaumbad sauwohl und lassen sich allenfalls mit französischen Artgenossen in Verbindung bringen. Auch wurde ich von den Cornetti darüber aufgeklärt, dass es in den italienischen Frühstücksbars deswegen morgens immer so laut sei, weil die Cornetti miteinander diskutieren, wer als nächster verkauft werden will.
Dann gibt es die italienischen Pasticcini. Das sind die Charmeure unter den sprechenden Süssspeisen. Sie säuseln einem kleine Liedchen ins Ohr, erzählen von der Cremigkeit ihrer Füllung, von madagasischen Vanillle aus der ihre Crema Pasticcera besteht und beteuern einem seltsamerweise immer, dass sie einem niemals auf die Hüften gehen würden, was man aber nur bedingt glauben sollte, da sie alle nur von einem verzehrt werden möchten.
Dann gibt es aber auch Regionale Spezialitäten, die häufig Dialekt reden, sehr wohlerzogen sind, sich namentlich vorstellen und dann in noch breiterem Dialekt weiterreden, den man kaum versteht:
So geschehen im Aostatal.
Es stellte sich vor:
Eine „Seupetta di Cogne“ (sprich: söpetta di conje), die im valdostaner (von Valle d’Aosta) Dialekt (italienisch mit französischem Einschlag) erzählte, dass sie am Liebsten in Lokalen am offenen Kamin vor sich hinblubbert, Zimt mag und den besten Fontina d´Alpeggio oben drauf haben möchte. Sie schwärmte von dem Geräusch von knackendem Kaminholz, gedämpftem Licht, dass ihre weißen Brotscheiben mit Fontina bedeckt werden möchten und am allerwohlsten würde sie sich in orangenen schweren Steinguttöpfen fühlen. Also irgendwie redet die dann so auf mich ein, dass ich mich frage, ob ich nicht doch nur Sklave aller Lebensmittel bin, das dafür zu sorgen hat, dass sich die verehrten Damen und Herren in einer Art Zubereitungswellness wohlfühlen dürfen.
Und dann erzählt mir fragliche Zeupetta auch noch von einer nahen Verwandten:
Die „Seuppa di Vallpellinentze„. Auch die durfte ich kennenlernen, auch diese sprach in diesem eigentümlichen Dialekt, auch sie wollte nur mit bestem Fontina am offenen Kamin geblubbert werden. (Sie besteht aus gutem Brot, blanchierter Wirsing oder Weisskohl und Bergbauern-Fontina.)
Eine himmlische "Seuppa Valpellinentze"

Eine himmlische „Seuppa Valpellinentze“

Ein Zwiegespräch zwischen beiden Suppen konnte ich mal über einen Tisch hinweg miterleben. Beide Suppen schwärmten davon, dass es doch gerade eine der schönsten Erlebnisse als Suppe sei im Restaurant des Les Neiges D’Antan in Breuil Cervinia serviert zu werden. (Wo wir uns zufällig gerade auch noch befanden.) Das sei die Krönung eines jeden Suppenlebens. Auf keinem Tisch der Welt würde man als Suppe so gehegt und gepflegt. Das käme von der alten Tradition der Bergbauern. Wenn jemand früher an die Tür geklopft hätte, hätte man ihm ohne wenn und aber einen Teller Suppe hingestellt. Eine Art der kulinarischen Gastfreundschaft, die in modernen Zeiten verloren gegangen ist – aber zumindest von den Restaurantgästen dort noch genossen werden darf. Und weil man sich an diesem Ort dessen so bewusst sei, käme man als Suppe gerade in diesem Lokal endlich zur Geltung.
Das wäre dort kein depressives Autobahnraststättenpulverdasein, sondern dicke schwere Töpfe, die von andächtigen Mitarbeitern ehrenvoll aufgetragen werden und ein „Aaaahh-ohhhhh“ von jedem Tisch zu hören ist. Und dort rümpft auch garantiert niemand die Nase, wenn man zu einer solchen Suppe eine Flasche besten Barbera oder Barolo öffnen lässt, es sei denn man trifft auf einen Chi-Chi-Gourmet.
Achja und dann gibt es noch die satanischen Chips, die mit mir reden. Die beherrschen das Säuseln ähnlich überzeugend wie italienische Süßspeisen, allerdings haben die einen fürchterlichen sich-immer-wiederholdenen Werbesprech drauf, das liegt vermutlich an dem vielen Natriumglutamat, das sie enthalten. Und trotzdem falle ich manchmal doch auf sie rein…. Auf gut deutsch: Blender.
Und seltsamerweise redet auch jede Flädlesuppe mit mir, was wohl an meiner Herkunft liegt. Die depressivste Flädlesuppe meines Lebens fand ich in gefriergetrockneter Version der Frittatensuppe in einem plattgedrückten Päckchen in einem Schweizer Supermarkt. Lebensmüde warf sie sich selbst aus dem Supermarktregal als ich an ihr vorbeilief. Das sei doch kein Leben mehr….Hörte ich sie beim runterfallen wimmern. Ich nahm sie mitleidsvoll mit, um es von seinen Qualen zu erlösen. Sie hatte Recht gehabt. Da war kein Leben im Essen. Alles tot. Wenigstens ist sie jetzt erlöst.
Die bestgelauntesten Flädlesuppen stehen manchmal in unserer Küche. Frische Pfannkuchen, frisches Schnittlauch und eine Rinderbrühe mit unglaublich dicken Fettaugen. Flädlesuppen sprechen selbstverständlich nur schwäbisch und ihr Lieblingssatz ist: „Endlich Mol wiedr was g’scheits“, wobei mein Freund nur den Kopf schüttelt über so viel fremdsprachiges Essen….
Er selbst redet am allerliebsten mit Schmalzbroten, was er nur äußerst ungern zugibt. Vor allem mit den sauren Gürkchen kann er sich lange befassen, die anscheinend alle gleichzeitig aus dem Glas wollen. Vor allem abends, wenn er ausgehungert den Kühlschrank öffnet, dann ploppen sie eigenständig die Schraubdeckel ab und winken mit so kleinen roten Fähnchen und rufen „Halloooooo?! Wie geht es Dir? Iss uns!!“ Cornichons reden (glaube ich) manchmal französisch mit ihm und zieren sich glaub mehr als dicke Gewürzgurken. Und dann wollen manche von ihnen längs oder auch quer durchgeschnitten werden, was manchmal auch einer längeren Diskussion bedarf. Ist natürlich klar, dass die mit mir kaum reden, wenn ich die Kühlschranktür aufmache. Kein Piep kommt da. Nur wenn ich ein Cornichon mal tatsächlich schräg in Scheibchen schneiden sollte, schüttelt mein Freund nur den Kopf, dass das nicht gehen würde und ob ich nicht den Gurken vorher den Schnittwinkel genau abgesprochen hätte. Schräg ginge ja mal garnicht. Wenn ich ihm dann aber erkläre, dass die Cornichons mit mir garnie reden, kuckt er immer nur irritiert – da er kaum glauben kann, dass seine Cornichons mit mir so zickig sind und für mich keine La-Ola-rot-Fähnchen-Wedel-Welle machen, wie für ihn.
Und jetzt fällt mir wieder ein: Man soll mit Essen nicht spielen.
Mein Fazit:
Ohren spitzen, genau hinhören und mit Genuß aufessen!
Und das Les Neiges D’Antan bei Breuil-Cervinia auf der nächsten Urlaubskarte unbedingt markieren (!) und bei dem Charakter-Hotelier Ludovico Bich (und sein Bruder Luca) die beste Bergbauern-Suppe der Welt probieren und dann noch den beeindruckenden Weinkeller (der sich im Keller direkt an den offenen Fels schmiegt) bestaunen, bei dem sogar ein Romanée Conti aus vergangenen Jahrzehnten rummsteht als wäre er einfach nur irgendso ein Weinchen. In keinem Hotel der Welt fühle ich mich nach 2 Minuten so zu Hause, wie dort. Und dort ist es sicherlich besser als so manches auf der Nordseite des Matterhorn – und bietet definitiv ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis.
Und wenn man Ausschau hält, laufen einem – wie uns Glücklichen – auch Steinböcke und Schneehasen („Lepre variabile“ die im Sommer tatsächlich ein beiges und im Winter ein weisses Fell haben) bei einer Schneeschuhwanderung über den Weg. Und Skifahren kann man auf den 360 Pisten-Kilometern natürlich auch – sogar bis über die Grenze nach Blingbling-Zermatt, wenn es denn unbedingt sein muss.
P.S: Achja. Und die süßen Sünden von Pierre, dem Patissier des Les Neiges d´Antan sprechen auch nachts in den Träumen zu mir.
PP.S.: Wem das mit dem Verreisen und Essen alles zu blöd ist, dem empfehle ich wenigstens den Aostatal-Wildtier-Bildband: „Attimi“ von Roberto Andrighetto oder ein digitalen Mini-Auszug aus dem Bildband.
Und ja, mein neues Lieblingstier ist der Schneehase.
Ein Nadelwäldchen unweit vom Großen Sankt-Bernhard.

Ein Nadelwäldchen unweit des Großen Sankt-Bernhard

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