Das ist Karline…

sagt Herbert Heußler und wiegt das Schmuse-Huhn im Arm. Es scheint sich dort äußerst wohl zu fühlen und blinzelt genüsslich in die Sonne, während der Winzer über sein Weingut erzählt. Die restliche Hühnerschar läuft uns zwischen den Füßen herum, pickt auf dem Boden oder scharrt auf dem Misthaufen. Aber Karline bleibt auf dem Arm und will gar nicht mehr weg. Am Zaungatter stehen zwei „Schwarzwälder Füchse“ mit langen blonden Mähnen – robuste Pferde, auf die wir später noch einmal im Wingert treffen werden.

Unter den alten Kirschbäumen sind lange Tische und Bänke aufgebaut, es gibt ein Picknick mit köstlichem Spanferkel und  – natürlich – eine Weinprobe. Die ganze Szene  ähnelt einer Postkartenidylle oder einem Filmset für einen Pfalz-Werbespot, so perfekt und wunderschön ist das alles.  Doch weit gefehlt!  Wir, das heißt 31 Slow Foodies,  sind zu Gast in Rhodt unter Riedburg in der Pfalz, unterhalb des Schlosses Ludwigshöhe beim Slow Food Förderer und Weingut Christian Heußler. Doch der Reihe nach; Blick zurück:

Es war im letzten Winter, als sich die Conviviumsleitungen der Pfalz, Rhein-Neckar, Karlsruhe, Pforzheim, Stutensee und Schwarzwald-Baden zu einem Arbeitsessen und Gedankenaustausch in Karlsruhe getroffen hatten. Irgendwann an diesem Abend entstand die Idee zu der Veranstaltung „Slow Travel Südwest“ – einer ganzen Serie von „regionalen Genuss-Reisen und einem kulinarischen Nachbarschaftstreffen, bei dem sich viele Mitglieder treffen und austauschen können“.  Gesagt, getan. Thomas Metzger vom CV Pfalz war der erste Gastgeber dieser Slow Travel Reihe. Im Herbst revanchiert sich dann das CV Rhein-Neckar mit einer Reise durch das Kraichgau; nächstes Jahr folgt dann der Schwarzwald und vielleicht das Elsass…

So waren wir also am 21. Mai nach Rhodt gekommen um uns im Garten zwischen den Weinbergen zu treffen. Hier wurde besagtes Spanferkel vom Grill serviert (Buntes Bentheimer, gaaaanz langsam und glücklich auf dem Zeidler-  und Caprahof aufgezogen). Dazu gabs  Gurken- und Kartoffelsalat sowie Liebenstein-Weißbrot und kalt gepresste Pflanzenöle der Wasgauer Ölmühle. Ein gelungener Auftakt, bei dem sich die Pfälzer Gastgeber und die Mitglieder kennen lernen – und anfreunden konnten, die aus Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Pforzheim, Straßburg, und München angereist waren. (München? München! Ist zwar nicht Südwest, aber egal, so charmant und nett wie die waren….)

Christian Heußler präsentierte insgesamt 6 verschiedene Weine, darunter einen exzellenten Rhodter Schlossberg „GRANIT“ Spätlese trocken, ein wunderbar mineralischen „ROSSWINGERT“ und einen tollen Rhodter Schlossberg „RIESLING“ aus der Literflasche. Tolle Weine, die es ab sofort bei Aux Amis Des Vins im SlowTravel Weinpaket zu bestellen gibt. Im Anschluss an die Weinprobe ging es mit dem Pferdewagen in den Weinberg. Hier, im Rosswingert, wird ein Hektar von insgesamt 14 Hektar des Weinguts konsequent ohne Maschinen bearbeitet. Das Projekt nennt sich „zurück zu den Wurzeln“ und läuft seit einigen Jahren sehr erfolgreich. „Die Pflugmaschinen und Trecker, die normalerweise zwischen den Rebstöcken pflügen, wiegen bis zu zwei Tonnen“, erklärt uns Herbert Heußler. „Das verdichtet den Boden sehr stark. Mit dem Pferd bleibt der Boden schön locker und viele Kräuter, die ansonsten plattgefahren würden, können wachsen. Das alles macht sich in der Qualität des Weines bemerkbar, auch wenn es deutlich zeitaufwendiger ist“.

Vom Wein zur Kultur: In einem halbstündigen Bergmarsch ging es zur Villa Ludwigshöhe. Nach einer Verschnaufpause mit königlichem Blick über die Pfalz erklärte uns Susanne Pfaffmann die Baugeschichte des Schlosses, ergänzte das Ganze mit spannenden Betrachtungen über den deutschen Impressionismus und führte uns danach eine Stunde lang durch das Schloss und durch eine Ausstellung mit Gemälden von Max Slevogt. Danach ging es wieder zurück in die Rheinebene.

Es folgte ein Rundgang durch Rhodt und kleiner Einkauf auf dem Weingut Heußler (aber nur ein paar Fläschchen 😉 ) und im Anschluss daran trafen sich die Genießer  auf dem Weingut Meyer und Sohn. Nach einem kurzen Kellerrundgang  gab es auch hier eine stimmungsvolle Weinprobe bei Sonnenuntergang mitten in den Weinbergen. Sehr romantisch!

Inzwischen war in dem angrenzenden Laubengang des Weinguts eine lange Tafel aufgebaut worden. Karl Paqué, der sich mit einem eigenen Ziegenhof für transparente Nutztierhaltung und regionale Produkte einsetzt, servierte zu den feinen Weinen von Stefan Meyer verschiedene Sorten Landbrot, wohlschmeckende Tomaten, verschiedene Öle und Balsamicos und 30 Kilo (!) unterschiedlichster Käse.

Zum krönenden Abschluss gab es im Garten ein großes Lagerfeuer. Unter frühsommerlichem Sternenhimmel saßen wir im Halbkreis mit Blick auf Reben und Rheinebene, genossen ein letztes Glas Wein und lauschten den Balladen von Ulrike und Jürgen Sauerhöfer, die bis in die tiefe Nacht Lieder sangen und dabei von zwei Gitarren und einem Akkordeon begleitet wurden. An dieser Stelle ein herzlicher Dank und ein großes Lob an Thomas Metzger, für die Zusammenstellung des Programms und für einen perfekten Ablauf.

Am Sonntagmorgen trafen sich trotz aller Anstrengungen 12 Überlebende vom Vortag, die sich einem geführten Spaziergang durch Speyer, der damals bedeutendsten Stadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, unterzogen.

Besucht und erkundet wurden auch die 300 Jahre alte protestantische Dreifaltigkeitskirche (lutherische Stadtkirche), das ehemalige jüdische Viertel mit  „Judenhof“ und die älteste noch vollständig erhaltene deutsche Mikwe aus dem 12. Jahrhundert – und natürlich das bedeutendstes Bauwerk, den Speyerer Dom. 1030 unter Kaiser Konrad II. begonnen, wurde er 1981 als zweites deutsches Kulturdenkmal ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und gilt er als das größte romanische Bauwerk der Welt. Letzter Haltepunkt war dann die 1041 geweihte Krypta, die Grablege der Salier.

Nach soviel Seh-Kultur musste man unbedingt wieder auf vergangene Genusspfade zurück finden.  😉  Bei Pfälzer Esskultur wie z. B. „Pälzer Flääschknepp“ (Fleischknöpfchen), wurde Revue passiert und untereinander feierlich versprochen, das Ganze in der zweiten Jahreshälfte im Kraichgau als 2. Slow Travel Südwest zu wiederholen.

Hier noch das leckere Flääschknepp-Rezept zum Nachkochen: http://www.chefkoch.de/rezepte/1015251206713692/Paelzer-Flaeschknepp-mit-Meerrettichsosse.html

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Slow Travel / Reisen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s