Kubistisches Genusserlebnis

Es sind jene Wochen im November, in denen der Guide Michelin und der Gault Millau ihre neuen Restaurantführer herausgeben und Auszeichnungen vergeben. Wir verteilen keine Kochmützen oder Sterne. Aber seit unserem letzten letzen Restaurant-Test im Qube Heidelberg ist schon wieder über ein Jahr vergangen. Höchste Zeit also für einen erneuten Besuch. Konnte der schicke Newcomer sein Niveau halten und auch im zweiten Jahr überzeugen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Für Leute, die kurpfälzer Weinstubenidylle und bürgerliche Saucengerichte suchen, ist das Qube nichts. Und für Anhänger der experimentellen Molekularküche ebenso wenig wie für Fans der verkopften Konzeptionsküche (Dialog von Taubenbrust und Stubenkücken…, mon dieu!). Für Freunde guten Essens und Trinkens hingegen, die klare Kompositionen ebenso schätzen wie eine natürliche und frische Küche, obendrein noch fair kalkuliert und in ordentlichen Portionen, gehört das puristisch-elegante Restaurant unter der Leitung von Robert Deyhle mittlerweile zu einer der ersten Adressen von Heidelberg.

Herzlich und charmant wird man vom durchweg jungen Servicepersonal empfangen und an einen der in schlichtem weiß eingedeckten Tische begleitet. In urbaner, loungiger Atmosphäre studiert man die überschaubare, eher kleine Karte und entdeckt bald Robert Deyhles Küchenphilosophie. Hier ist ein ambitionierter Könner am Werk, der von drei gegensätzlichen Strömungen geprägt wird: 1. den Einflüssen regionaler und saisoneller Produkte, 2. dem Bekenntnis zu deutschen Küchenklassikern und 3. der Liebe zur Crossover-Küche mit asiatisch-mediterranen Gerichten. In diesem Mahlstrom kocht er manchmal aufwendig, manchmal raffiniert und manchmal reduziert, aber nie abgehoben oder affektiert.

Die Kartoffel-Lauchsuppe war perfekt gewürzt und schmeckte „wie bei Muttern“. Also lecker. Der hausgebeizte Wildlachs mit knusprig-frischen Rösti war an diesem verregnetem Herbstabend genau die richtige Einstimmung. Es folgte ein frischer Salat von den Dossenheimer Feldern, der mit einem herrlich fruchtigen Dressing angerichtet war. Dazu gab es knuspriges und duftendes Baguette – mehr braucht es nicht zum Glücklichsein.

Delikat war auch die Creme Brulée von der Entenleber, die wir uns zu Zweit teilten und prompt einen Nachschlag verlangten.

Madame wählte als Hauptspeise das Sesam-Thunfischsteak, welches uns schon im letzten Jahr so sehr begeistert hatte. Exakt auf den Punkt gegrillt und innen noch rosa. Das könnte ein Klassiker werden! Für den Herrn gab‘s Wiener Schnitzel vom Kalb mit einer Panierung, die es so perfekt nur noch dreimal gibt: Im „Borchardt“ Berlin, beim „Meinl“ in Wien und im „Viena“  Cas Concos (Mallorca). Hut ab. Ehrlich! Ein wenig neidisch wurden wir nur, als bei unseren Tischnachbarn ein herrlich duftender Fisch in Salzkruste serviert wurde. Der steht zwar nicht auf der Speisekarte, kann aber, wie wir später erfuhren, vorbestellt werden. Zum Nachtisch genossen wir ein Mandeleis, einen mallorquinischen Mandelkuchen und zum Abschluss einen großartigen Espresso.

Dass die kundig zusammengestellte Weinkarte nicht überbordet, beeinträchtigt ihre Qualität nicht. Wie schon bei den Speisen sind auch hier die Preise durchweg erschwinglich, und vor  allem bei den Tagesempfehlungen gibt es viel Spannendes und Überraschendes zu entdecken. Man sollte also immer nachfragen oder sich vom Sommelier beraten lassen.

Kritik fällt uns bei so vielen guten Ansätzen wirklich schwer. Aber wenn es denn sein soll: Wir könnten über importierten grünen Spargel im Oktober die Nase rümpfen. Das muss nun wirklich nicht sein – vor allem nicht, wenn man sich in der Hochburg des deutschen Spargelanbaus befindet. Und der grundsätzlich flotte und Service zeigt hier und da noch ein paar kleine Unregelmäßigkeiten. So mussten wir nach unserer Bestellung über 10 Minuten auf das erste Gläschen Wein und aufs Wasser warten – zu lange. Und der Brotkorb dürfte auch gerne ohne Aufforderung nachgefüllt werden. Da ist noch mehr drin – das spüren wir ganz genau.

„Die Küche der Zukunft ist ungekünstelt, pur, gesund und traditionsbewusst“ schreibt der Chefredakteur des Gault Millau, Manfred Kohnke, im Vorwort der aktuellen Ausgabe. Wenn das die Losung des Jahres 2011 ist, liegt Robert Deyhle genau richtig.  Im Zentrum von Heidelberg gibt es zur Zeit wohl kein zweites Restaurant, in dem so lecker, frisch und geradlinig gekocht wird. Wer es noch besser und noch feiner mag, dem bleiben nur die bekannten Sternerestaurants – dann allerdings bei einem deutlich höherem Preisniveau.

www.qube-heidelberg.de

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Wo wir gerne essen

Eine Antwort zu “Kubistisches Genusserlebnis

  1. Nachtrag 02.12.2010

    Das Stadtmagazin „Meier“ hat in seinem kürzlich veröffentlichten Gastro-Guide “Espresso” das Qube Restaurant mit 14 von 15 möglichen Punkten bewertet. Damit ist das Qube neben einem weiteren Restaurant das bestbewertete Heidelberger Stadtrestaurant und wird unter der Rubrik „Die Besten 2011“ geführt. http://qube-hotel-heidelberg.de/presse-events

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