Wird Slow Food ein Debattierklub oder Seniorenheim?

Am vergangenen Wochenende haben die Mitglieder von Slow Food in Würzburg einen neuen Vorstand gewählt. 330 Mitglieder waren aus ganz Deutschland angereist um ihren neuen Vorsitzenden und dessen Entourage zu wählen – eine fantastische Beteiligung, vergleicht man diese Teilnehmerzahl mit den sonst üblichen „so an die 150“. Das Convivium Mainfranken-Hohenlohe trat als fröhlicher und souveräner Gastgeber auf und hatte nicht nur die Versammlung auf der Feste Marienberg perfekt vorbereitet, sondern auch für drei lange Tage ein wunderbares Rahmenprogramm mit Besuchen im Hofkeller und Bürgerspital zusammengestellt. Chapeau!

Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung wurden Dr. Andreas Eichler zum neuen Vorsitzenden -, Dr. Ursula Hudson zu seiner Stellvertreterin – und Dr. Rupert Ebner zum Schatzmeister gewählt. Neue Beisitzer sind Sebastian von Kloch-Kornitz und Dr. Hanns E. Kniepkamp.

Der neue Slow Food Vorstand steht vor einer Herkulesaufgabe: Der Verein befindet sich seit Monaten in einer internen Auseinandersetzung zwischen Dogmatikern und Genussfreunden, bei der sich die Fronten zwischen Vereinsmeierei, Satzungsdiskussionen, Ernährungsthemen und  Kulinarischem immer mehr verhärten. Allein das ist schon traurig genug.

Spätestens nach diesem Wochenende wird auch deutlich, dass die »Parteipolitisierung« von Slow Food Deutschland begonnen hat: Wie in der Politik machen die Kandidaten Brot-und-Spiele Versprechungen für alles und jeden; streuen Halbwahrheiten, Unwahrheiten oder Lügen unter die Mitglieder; verbreiten verwässerte  oder unkonkreten Aussagen; gehen mit reißerischen Parolen auf die Bühne („Ja und wenn Ihr alles das wollt, dann wählt mich!!!“ oder „Ich werde dafür sorgen, dass dieses Thema in 3 Monaten vom Tisch ist!“). Aha. Und wie in der Politik wird es nach einiger Zeit heißen: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? (aber Schuld sind dann eh immer die anderen)“.  Ja Freunde, merkt denn keiner was!?!?

Dabei geraten die eigentlichen Themen, Werte und Ziele des Gründers Carlo Petrini immer mehr aus dem Blickfeld! Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass ich einmal eine Veranstaltung erlebe, bei der so viel heiße Luft verbreitet wird und die noch weiter von allen Idealen entfernt ist, als die letzten Treffen. Die Folge: Nicht wenige Mitglieder schütteln verwundert den Kopf, treten aus dem Verein aus oder beschweren sich: „Wir sind Slow Food beigetreten, weil wir gutes Essen lieben. Wir wollen diese internationale Bewegung unterstützen, uns mit anderen Genießern, Hobbyköchen und Feinschmeckern austauschen und regionale Produzenten kennenlernen. Aber wir sind bestimmt nicht bei Slow Food, um Satzungsparagraphen zu diskutieren oder uns mit Kleingeisterei zu beschäftigen“, fasst ein Mitglied aus Mannheim die Situation zusammen. Ein Slow Food Förderer aus Hockenheim meint: „Die Profilierungssucht und die miesen Umgangsformen einiger Slow Foodies sind  unerträglich. Ich frage mich, was die in unserer Genießervereinigung verloren haben“. Ein Mitglied aus Karlsruhe: „Zur MV morgen kann & will ich gar nicht kommen, überlege wegen solcher Aktionen wie die von Herrn F. sogar auszutreten, wenn da nicht solche genussvolle Veranstaltungen wie Ihre wären.“ Und ein Weinhändler aus Ludwigshafen ergänzt: „Mir scheint, dass die Wenigsten bisher erkannt haben, wen sie da mit Otto Geisel an der Spitze eigentlich verloren haben. Seine Arbeit für Slow Food ist bislang mit keiner Zeile angemessen gewürdigt worden und das ist eine Riesen-Sauerei!“

Die internen Streitereien zu beenden, deutliche Zeichen zu setzen, die Mitsprache der Mitglieder zu fördern, die Arbeit in den Convivien zu unterstützen, eine zeitgemäße Kommunikationskultur einzuführen und die notwendigen Umstrukturierungen in der Vereinigung anzupacken, sind nur einige der vielen Aufgaben, die vor Andreas Eichler und seinem Team liegen. Aber es gibt noch mehr zu tun: Die Fehler der Vergangenheit müssen systematisch ausgewertet und eine Kultur des voneinander Lernens muss eingeführt werden. Es gilt, neue Wege der Nahrungsmittelvermarktung zu bewerten, den Erfolg der Slow Food Messe zu stabilisieren, die bislang ausgezeichneten Beziehungen zu unseren italienischen Freunden und zu Slow Food International zu pflegen, Netzwerke zu knüpfen oder weiter auszubauen und bei alledem dem Verlust der Esskultur entgegenzuwirken und die Freude am Genießen nicht aus den Augen zu verlieren.

Puh!

Kann so ein Reformprogramm erfolgreich gestemmt werden? Noch dazu von einem Vorstand, dessen neuer Vorsitzender ein Funktionär im Rentenalter ist? Dessen Stellvertreterin ihren Wohnsitz und ihre Arbeitsstelle in Sussex, England hat (!) und die sich in Würzburg als umherjettende und energiegeladene Netzwerkerin präsentierte, „die es liebt, Dinge anzuschieben“ und betont „sich finanziell alle Optionen offenzuhalten“ (was immer das heißen mag). Also ich weiß nicht! Die Aufgaben und damit verbundenen zeitlichen Anforderungen an ein Non-Profit Ehrenamt  sind doch ziemlich anspruchsvoll. Die Erwartungen der Mitglieder ebenfalls.

Nur damit wir uns richtig verstehen – ich propagiere hier keinen Jugendwahn und ich habe absolut nichts gegen ältere Semester. Ganz im Gegenteil! Es wäre arrogant, herablassend, voreingenommen und obendrein unfair, dem mit eindeutigen Mehrheitsverhältnissen gewählten Vorstand von vornherein einen Misserfolg zu prophezeien oder sich allein wegen des Alters oder wegen einem Auslandswohnsitz allzu kritisch zu äußern. Das sind letztlich nur Feststellungen am Rande. Eine Chance muss jedem eingeräumt werden, das gebietet allein schon der Respekt vor den Amtsträgern und ein demokratisches Grundverständnis. Die wirklich wichtige Frage lautet jedoch, ob Dr. Eichler und sein Team einen derart aufgewühlten Verein in ruhige Gewässer steuern – und dann erfolgreich auf Kurs halten kann? Ob der von Silke Schneider stabilisierte und ausgeglichene Finanzhaushalt weiter im Lot gehalten wird?  Und ob Dr. Eichler es darüber hinaus versteht, mit Charisma und Leidenschaft  neue Mitglieder zu gewinnen und zu begeistern?

Doch genau das ist es, was ich bezweifle. Warum? Nun, der neue Vorstand hat – bei allem Respekt und bei aller fachlichen Qualifikation in Verbandsstrukturen – nicht gerade die Verve und die Leidenschaft eines Otto Geisel oder eines Carlo Petrini. Nein, diesem Team fehlt es meiner Ansicht nach an Überzeugung und innerer Strahlkraft, um die Inhalte von Slow Food  nach außen hin zu vertreten. So manche/r hat sich (während der Veranstaltung in Würzburg und hinter vorgehaltener Hand) die Frage gestellt, ob Dr. Eichler eigentlich die Inhalte von Slow Food wirklich selbst lebt; wer einmal eine Rede von Carlo Petrini erlebt hat, weiß was ich mit „Slow Food leben“ meine). Übrigens finde ich es ganz erstaunlich, dass keiner der Vorstandsmitglieder während seiner Vorstellungs- oder Antrittsrede zu Themen wie Essen, Trinken oder Lebensfreude Stellung bezogen hat. Da ging es eher technisch, nüchtern und sachlich zu. Auch über das Verhältnis unserer Vereinigung zu Slow Food International und zu den Zielen von Terra Madre oder zu künftigen Arche-Themen war in Würzburg kein Wort zu hören. Auch nicht darüber, wie man mit vereinsschädigenden Mitgliedern umzugehen gedenkt, die mobben und intregieren oder so einen peinlichen Auftritt hinlegen wie ein gewisser Herr F. aus B. Diese Themen sind alle viel zu wichtig, als dass man sie nur belächeln, auf die lange Bank schieben oder aussitzen könnte.

Um Slow Food anzuführen, braucht es mehr als fachliche Qualifikation. Ich glaube nicht, dass unsere genussvolle Vereinigung von Technokraten, Lobbyisten oder Politikern geführt werden kann. Das ist zu trocken; zu verbissen; zu ernst; zu kritisch. Da fehlt mir das Augenzwinkern und ein gewisses Maß an Frohsinn und Laissez-faire. (Schließlich geht es – auch wenn Slow Food sich inhaltlich weiterentwickelt – doch auch um Lebensfreude, Genuss und den Spaß im Ehrenamt und nicht um Arbeit oder Geldverdienen.)

Meine persönlichen Vorstellungen von einem Slow Food Vorstand gehen in eine ganz andere Richtung: Ich will weder einen Debattierclub mit schier endlosen Diskussionen um Paragraphen und Wichtigtuerei noch einen Verein, der Lobbyarbeit in Berlin oder Brüssel zu seinem Hauptziel erklärt (wer das möchte, soll sich einer der vielen Parteien anschließen und sich dort politisch engagieren). Ich wünsche mir eine aufgeschlossene und professionelle Troika, die auch eine jüngere  Zielgruppe anspricht, gerne flankiert von zwei vereinserfahrenen und Älteren. Doch in vorderster Reihe sollten bei Slow Food keine Politiker oder Juristen stehen, die sich parkettsicher auf Verbandstagungen und im Europaparlament bewegen, sondern leidenschaftliche Menschen, Bäcker, Winzer, Metzger, Gastronomen, Hobbyköche, Genusshandwerker, Händler oder Produzenten mit einem deutlichen Bekenntnis zu Qualität und zum bewussten Genießen. Menschen, die in unserer vielkanaligen, multimedialen Welt  Akzente setzen, begeistern und mitten im Leben stehen. Da reicht es beileibe nicht aus, die Dinge „nur anschieben zu wollen“ und darauf zu hoffen, dass andere dann die echte Arbeit erledigen.

Mit dem Youth Food Movement , den Sinnesschulungen für Kinder und mit den Studiengängen der gastronomischen Wissenschaften hat Carlo Petrini sehr deutlich gemacht, wie wichtig ihm die Integration jüngerer Generationen für Slow Food ist. Doch nur, wenn man dies auch vor Ort lebt und in die Praxis umsetzt, wird man junge Menschen zwischen 25 und 35 für unsere Ziele gewinnen können. Mit  Heilsbotschaften, die von einem freundlichen Senioren verkündet werden,  können wir die Leute nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Junge Menschen werden sich nur dort einbringen und wohlfühlen, wo sich auch inhaltlich wieder finden und wo sie ihresgleichen treffen.

In diesem Sinne ist der einzige Hoffnungsschimmer im neuen Vorstand Sebastian von Kloch-Kornitz, der charmante und 33 jährige Conviviumsleiter aus Weimar dem jetzt meine ganze Unterstützung gilt. Es bleibt zu hoffen, dass er sich auch in den kommenden Jahren mit so viel Natürlichkeit und Leidenschaft für Slow Food einsetzt, wie bisher, und dass sich peu a peu der Vorstand um ihn herum verjüngt. Die Chancen hierfür stehen eigentlich ziemlich gut. In vielen Convivienleitungen hat der Generationswechsel bereits begonnen.

Der Aufbruch in die erhoffte, neue, jüngere Slow Food Ära musste also leider vertagt werden. Aber keine Sorge, dieser Beitrag ist kein Schwanengesang: Spätestens in zwei Jahren wird ja wieder gewählt 😉 Vielleicht haben einige Mitglieder bis dahin erkannt, wie sehr sich die Chefetage unsere Vereinigung gerade von den ursprünglichen Zielen der Slow Food Vereinigung in Italien entfernt. Hier kann man sie nachlesen. Besonders schön finde ich die in Vergessenheit geratene Antwort auf die Frage, ob Slow Food politisch sei: „Slow Foodies finden, dass sich Zusammensein bei Slow Food wohltuend vom Gerangel in den Parteien abhebt.“ Und Vincent Klink schreibt an anderer Stelle: „Slow Food kümmert sich um Freude am Essen und Trinken.“ Eben!

Jedenfalls war das bei mir der Grund, warum ich Mitglied geworden bin – und bei vielen tausend anderen Menschen ebenfalls. Der neue Vorsitzende sieht das allerdings anders. Noch am Wahlabend fasste er seine Ziele vor der Presse trocken zusammen: „Wir bei Slow Food wollen politischer werden, wir sind mehr als ein Club der Genießer.“ Darüber sollte man nachdenken!

14 Kommentare

Eingeordnet unter In eigener Sache

14 Antworten zu “Wird Slow Food ein Debattierklub oder Seniorenheim?

  1. Michael Arndt

    Man kann sich eigentlich nur wundern, was für dunkle Wolken sich da am Slow Food Himmel zusammengebraut haben. Mir ist dieses ganze Vereingezänke völlig egal. Aber es wäre sicher nicht der erste Verein oder die erste Partei, die an solchen Streitereien zerbricht. Zwei Fragen, die sich zwangsläufig aufdrängen: Warum trennt man Slow Food nicht einfach in zwei Gruppen auf: Hier die ernsthaften Vereinsleute und dort die lockeren Genießer? Und was sagen die in Italien zu unserer typisch deutschen Entwicklung? Slowe Grüße

  2. Ich kann nur voll und ganz zustimmen, ein Vorsitzender von Slow Food der wirkt wie sein eigener Stellvertreter wird uns nicht viel bringen, zumindest wenn man über den Tellerrand des deutschen Vereins hinausblickt.

    Schade das Sebastian von Kloch-Kornitz nicht richtig in Stellung gebracht wurde. Hier hätte ein wenig „Wahlkampf“ dann doch nicht geschadet.

  3. … hey big c,

    für alle die es bisher noch nicht wussten : slow food war schon immer hoch politisch, es ist aus einer politischen idee heraus entstanden und slow food hat es immer ausgelebt : aber eben keine parteipolitik sondern genusspolitik, gesellschaftspolitik und nachhaltigkeitspolitik : aber eben keine parteipolitik. regionaler genuss ist auch immer eine gesellschaftspolitische aussage – noch politischer geht kaum, aber … es steht dabei für uns slow foodies immer der genuss im vordergrund und nicht die politische denke … und genau das unterscheidet uns von spaß- und genussbefreiten.

    ein schönes zitat von augustinus fällt mir dazu ein : „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ – und daran wird sich slow food messen lassen müssen.

    ich schließe mich deinen worte, cyriacus, an, ich denke wir waren schon mal viel weiter oben auf der genussscala ….

  4. Dirk Esser

    Wie bei der aoMV an den Abstimmungsergebnissen deutlich zu erkennen war, gab es zwei große Gruppen. Die kleinere davon hat bei den „Listenwahlen“, die von beiden Bewerbern um das Vorstandsamt erbeten wurden, den Kürzeren gezogen. Der Souverän (die Teilnehmer der MV) wollte das so. So funktionieren demokratische Wahlen.
    Mich ärgert folgende Aussage:
    „Noch dazu von einem Vorstand, dessen neuer Vorsitzender ein Funktionär im Rentenalter ist?“
    Gibt es eine Altersbeschränkung für ehrenamtliche Mitarbeit bei Slow Food? Wenn ja dann sollten wir unsere Satzung auch noch um folgenden Punkt ergänzen:
    Die Mitgliedschaft bei Slow Food endet mit dem Erreichen des 61. Lebensjahres.

    Dirk Esser
    (51 Jahre)

    P.S. Übrigens Carlo Petrini wird dieses Jahr auch 61 Jahre alt.

  5. Tom Winter

    Was wir erleben ist ein Häutungsprozess. Der alte Vorstand konnte nicht mehr überzeugen, weil sich die Prioritäten bei Slow Food verschoben haben. Das wurde seit Monaten unterschätzt und das haben viele gespürt. Mag ja sein, dass gestern Genuss und Spaß noch ganz oben auf der Skala standen. Heute zählen andere Werte. Gut essen kann ich schließlich auch alleine, dafür muss ich mich keiner Partei anschließen. Aber vielen von uns (da stehe ich sicher nicht alleine) geht es gar nicht um „gut essen“ (zumindest nicht als Selbstzweck). Ich sehe mit Eichler, Hudson & Co. eine Chance, dass Slow Food deutlicher Position bezieht und dass auch unsere politische Stimme Gewicht bekommt. In diesem Sinne dem neuen Vorstand „Glück Auf“!

  6. Franz

    Mein Vorredner Michael Z. hat es bereits angedeutet und ich frage mich, ob die anderen in Würzburg nicht nah genug am Podium gesessen haben: Der Vorsitzende mag ja im gleichen Alter sein wie Petrini, aber was für Welten liegen dazwischen! Das sind gefühlte 75, nicht 61. Und der honorige Herr, der Beisitzer wurde (weiß grad seinen Namen nicht), hat das ganze noch getoppt. Da sei die Frage schon erlaubt, welche Zielgruppe dieser Altherrenverein eigentlich ansprechen will. Traurig, traurig.

  7. Elke

    Ich lernte Cyriacus während eines Kinderkochkurses auf einem Bauernhof kennen. Unsere Kleinen hatten gerade Tomaten geerntet und machten Ketchup daraus, während wir angeregt über lohnenswerte Restaurants in Heidelberg diskutierten. So trat Slow Food in mein Leben. Ein paar Monate später saß ich bei ihm zu Hause am Küchentisch. Es gab Brot von einem Bäcker Dingsda, Olivenöl von einem kleinen Händler in der Pfalz, Fenchelsalami von einem Metzger XY und so ging das den ganzen Abend weiter. Zu jedem Produkt erzählten Cyriacus und seine Frau Angela mir eine Geschichte: Wo der Bäcker sein Mehl einkaufte, wo die Rinder weideten, aus welcher Region das Gemüse komme und so weiter und so fort. Damals wurde ich Slow Food Mitglied. Das ist jetzt fast drei Jahre her.
    Heute bin ich wohl das, was man eine bewusste Verbraucherin nennt und mir geht es wie der kleinen Ratte Ratatouille in dem Zeichentrickfilm: Ich liebe einfach gutes Essen. Genuss hat einen großen Stellenwert für mich. Ich ärgere mich, wenn ich im Supermarkt auf die Kassenbänder schaue und sehe, was die Leute vor und hinter mir für Müll kaufen. Ich habe meine kleinen, geheimen Einkaufsquellen in der Rhein-Neckar Region. Und ich nerve meinen Mann oder meine Freunde, wenn ich in dieses oder jenes mittelmäßige Restaurant nicht mit will, weil man dort nur Zeugs aus der Metro kocht und wir das Zuhause besser machen.

    Aber ich bin keine Vereinsnudel. Slow Food Veranstaltungen meide ich wie der Teufel das Weihwasser. Keine Ahnung warum, es ist einfach so. Trotzdem verfolge ich aufmerksam das Programm „meines“ Conviviums und schaue von Zeit zu Zeit in diesem Blog. Dass ich mich heute Abend – bei einem Glas Monzinger Frühlingsplätzchen vom Weingut Emrich Schönleber und einem Stück Käse von der Manufaktur Müller – zum ersten Mal dazu aufraffe, einen Beitrag in mein Notebook zu tippen, hat einen ganz einfachen aber höchst alarmierenden Grund: Noch nie hat Cyriacus einen so ungenießbaren Eintrag verfasst wie diesen. Ich will nichts über Vereinsmeier oder Steithansel lesen, sondern über sinnlichen Genuss; über Lebensfreude; über engagierte Produzenten und Bauern; über Lebensmittel, die diesen Namen noch wirklich verdienen: Mittel zum Leben.

    Was bitteschön, hatte diese Mitgliederversammlung in Würzburg noch mit Slow Food zu tun? Dieser Krieg der Weltverbesserer, dieser faulige Dunst von Missgunst, die Querelen und persönlichen Anfeindungen, von denen wir, abgesehen von dieser unsäglichen E-Mail Aktion des Herrn Frühauf in der letzten Woche, im Convivium gottlob verschont blieben, scheinen sich in diesem Verein auszubreiten wie der Zigarrenqualm der grauen Männer in Michael Ende’s MOMO. Alle wollen nur das Eine: Recht haben! Einfluss nehmen! Und jetzt ruft die ganze Schar: Hurra, hurra, der neue Vorstand ist da! Der macht alles ganz anders und natürlich viel besser. Wirklich? WIRKLICH??

    Ganz ehrlich gesagt, mich interessiert es nicht. Was mich allein motiviert diese Zeilen zu schreiben, ist das Entsetzen darüber, erleben zu müssen, wie die Slow Food Idee plötzlich zum Vereinsmonster mutiert.

    Wenn man diesen ehrgeizigen und engagierten Vorstandsmenschen etwas raten könnte (aber das kann man ohnehin nicht), dann dies: Atmet! Genießt! Liebt! Entschleunigt! Lacht über das Leben! Werdet bewußt! Hört Eurem Gegenüber zu! Haltet ein! Und lest ein Buch: Zum Beispiel „Drehbuch für Meisterschaft im Leben“ von Ron Smothermon oder „JETZT!“ von Eckhart Tolle oder „Slow Life“ von Jean-Carl Honoré.

    Aber ach! Die Damen und Herren haben ja keine Zeit zum genießen. Sie müssen ständig zum Gericht marschieren, Klagen einreichen, über Satzungen nachdenken, nach Berlin schielen und nach Brüssel. Um Nena zu zitieren: „99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister, hielten sich für schlaue Leute, witterten schon fette Beute. Riefen „Krieg!“ und wollten Macht, Mensch wer hätte das gedacht: dass es einmal soweit kommt…“ Meine Entscheidung steht fest. Ich schreibe jetzt diesen einen Eintrag zu Ende und im Anschluss daran gleich meine Austrittserklärung. Ich mag Slow Food nicht mehr!

    Die tollen Veranstaltungen von Cyriacus und Angela und ihr Engagement für diesen Verein werde ich natürlich weiter verfolgen, auch wenn ich fast nie zu einer Veranstaltung gegangen bin. Brauch ich auch nicht, denn viel lieber sitze ich an ihrem Küchentisch oder in ihrem Weinkeller, wo es ganz wunderbar SLOW zugeht. Ohne Vereinsmeierei. Man sagt: Wichtig ist was am Ende bei einer Geschichte rauskommt. So gesehen ist es ganz einfach: Slow Food hat heute ein Mitglied verloren, aber ich habe durch Slow Food neue Freunde gewonnen.

  8. Ulrich Kohnle

    Ja, Nein, Vielleicht!
    Die – für uns einfachen Mitglieder – im Netz dokumentierten Verwerfungen vor Würzburg und die jetzt einsetzende Diskussion hinterlassen immer mehr ein ungutes Gefühl. SF befindet sich an einem Scheidepunkt. Auf der einen Seite die Hedonisten, auf der anderen Seite die, die der Bewegung endlich ein gesellschaftspolitisches Gewicht mitgeben wollen. Diese Trennlinie hat es schon immer gegeben. Wer SF braucht um gut Essen gehen zu können, ist vielleicht im falschen Verein, bzw. braucht keinen. Und wer „geheime Einkaufsquellen“ für sich entdeckt hat, hat das Prinzip immer noch nicht verstanden.
    SF muß ein Netzwerk werden aus Produzenten, Händlern und Verbrauchern, die nach der Maxime gut-sauber-fair zusammenarbeiten. Dazu braucht es einen starken Vorstand, belastbare Kommunikationsstrukturen in die Convivien hinein (nicht nur bis zur C-Leitung). Das eingerichtete Forum (mit all seinen Schwächen) [Cyriakus PN kommt noch] kann ein erster Schritt dahin sein. Die Messe muß gestärkt werden, wir müssen uns einmischen in die Diskussionen um BioTech, GenTech, Foodmiles, Treibhausgas-Emissionen, Lehrpläne an Schulen usw..
    Gleichzeitig müssen wir die innere Reform des Vereins voranbringen, das Delegiertenwahlrecht muß kommen, die Ausgründung von Geschäftszweigen um die Gemeinnützigkeit des Hauptvereins nicht zu gefährden. Wenn der neue Vorstand nur einen Teil dieser Projekte anpacken kann, ist schon viel geholfen.
    Ein Wort noch an die Hedonisten: Engagiert Euch weiter im Verein, ein lecker Weinchen kann man auch mit dem guten Gefühl trinken, dem Verein mit seiner Stimme beigestanden zu haben.

    just my 2cents

  9. Joachim Paschen

    O je, o je, kaum ist die Wahl des neuen Vorstands vorbei, melden sich schon die Auguren. Der Flug der Vögel wird beobachtet und aus den Eingeweiden der Schlachttiere wird vorhergesagt.
    Hieß es nicht auch bei der Kandidatenvorstellung: „Wir müssen die Gräben überwinden, die sich aufgetan haben?“
    Ja, hier ist es besonders leicht zu prophezeien. Es ist doch unübersehbar, dass jemand, der einen Vornamen trägt, beim dem sich viele Leute sofort an Kalifornien und einen dort befindlichen „Graben“ erinnert fühlen, der an Erdeben denken lässt und Furcht und Schrecken auslöst, kein
    Vertrauen auf Lösung der Zwistigkeiten und Probleme bei SFD verdient. Ja wie soll, so jemand Gräben überwinden?
    In jeder Suppe lässt sich bei genauem Hinsehen das berühmte Haar finden.
    Ja, jetzt wartet doch erstmal ab, was der neue Vorstand zustande bringt, auch dieser Vorstand hat eine Chance verdient.

    PS. Auf den geäußerten Vorschlag die Satzung dahingehend zu ändern, die Mitgliedschaft mit Erreichen des 61 Lebensjahres zu beenden, schlage ich stattdessen vor, die Mitgliedschaft in eine stille zu wandeln. Soll heißen weiterhin zahlen, aber bitte „Klappe“ halten.

  10. Marianne und Helmut Wager

    Vielen Dank, für Ihre Betrachtungen zur Mitgliederversammlung. Wir werden sie auch unseren Mitgliedern im Convivium zugänglich machen. Wir sind immer noch ziemlich entsetzt, über das, was da in Würzburg gelaufen ist: Wie es zustande kam und in welche Richtung der Karren jetzt läuft.

    Es wurde uns erst an diesem Wochenende im ganzen Umfang klar, in welcher Breite in den letzten Monaten im Untergrund gehetzt wurde, wie viele Unwahrheiten und Verleumdungen gegenüber dem Vorstand und gegenüber einzelnen Personen verbreitet wurden. Bei Gesprächen während und nach der Versammlung mit Mitgliedern hat sich dies deutlich gezeigt. Es ist auch sehr interessant, mit welchen Convivien oder Personengruppen aus einzelnen Convivien von den Neuvorständlern vor der MV Kontakt gesucht wurde. Wie steht es so schön über dem von Dr. Herrn Eichler verbreiteten 12-Punkte-Programm: „Kommunikation – Transparenz – Integration“!

    Slow Food wird jetzt also politischer auftreten und – so wurde es ausgesprochen – nicht mehr Foodwatch das Feld überlassen. Wir haben nun bald ein Hauptstadtbüro, suchen die Nähe zur Politik, Lobby-Arbeit ist nun gefragt! Hat sich da noch niemand Gedanken gemacht, warum der Begriff „Lobbyist“ negativ besetzt ist? Wo bleibt der Genuss, das gute Beispiel, das Bekenntnis zur Qualität? Bisher haben wir das positive Denken geschätzt: Bei Slow Food war immer das Glas halb voll!

    Ein bisschen Hoffnung gibt es. So berauschend waren die Wahlergebnisse der neuen Technokraten nicht. Sie hatten natürlich aus dem Vergangenen gelernt, im Vorfeld Stimmung gemacht und alles angekarrt, was Auto- und Bundesbahn verkraften konnte. Auf Linie gebracht, wurde gewählt was vorgegeben wurde. Das beste Beispiel ist die Wahl des Schatzmeisters: Hier glaubte man vollmundigen Politikerphrasen und hohlen Versprechungen und ignorierte völlig die fundierte und erfolgreiche Kassenarbeit Silke Schneiders, die sich mutig zur Wahl stellte.

    Wie viel Integrationswillen bei diesem neuen Vorstand vorhanden ist, konnte man am Ende der Versammlung noch erleben. Es wäre dem Vorsitzenden sehr gut zu Gesicht gestanden, wenn er sich bei denen bedankt hätte, die bisher die Arbeit gemacht haben, anstatt es Hans-Werner Bunz und Dinah Epperlein zu überlassen. Es wäre auch schlicht und einfach eine Frage der Höflichkeit gewesen!

    Gut, dass die Convivienarbeit viel Spaß macht! Aber wir sind auch verantwortlich für alles Geschehen im Verein. Daher: Augen auf, genau hinschauen, was der Vorstand so treibt!

    Marianne und Helmut Wager

  11. Klaus Flesch

    Liebe Frau Wager,

    auch ich freue mich, daß die Arbeit im Convivium viel mehr Spaß macht, wie sich mit den Querelen bei Slow Food Deutschland herumzuschlagen. Aus eigener Erfahrung kann ich ihnen aber auch versichern, daß es unter dem alten Vorstand nicht nur eitel Sonnenschein gegeben hatte.

    Auch ich bedauere, daß wir mit Otto Geisel eine wahre Persönlichkeit verloren haben und sein Wirken nicht noch besser gewürdigt wurde. Er hatte sich aber ja gar nicht mehr zur Wahl gestellt.

    Gerade auch durch die Leistung bei der Leitung der aoMV durch Silke Schneider, fand ich es wahrlich mutig, daß sie sich erneut zur Wahl gestellt hat.

    Gerade aber die fehlenden Informationen bezüglich der Aberkennung der Gemeinnützigkeit von Slow Food lassen die Frage zu, wie weit der Vorstand bisher die Geschehnisse getrieben hat, oder selber nur Getriebener war.

    In der Politik und in anderen Positionen gibt man den handelnden Personen normalerweise 100 Tage Zeit, damit man ihr Wirken abschätzen kann. Ich würde mich freuen, wenn wir auch dies dem neuen Vorstand zugestehen würden.

    Klaus Flesch

  12. Auch ich war in Würzburg dabei und habe (nicht ganz freiwillig) in der ersten Reihe gesessen.

    Jetzt bedauere ich und wundere mich.

    Denn Sebastian von Kloch-Kornitz ist ja nicht alleine angetreten. Und seine 144 Stimmen – sozusagen aus dem Stand – gegen einen „alten Hasen“ wie Eichler empfinde ich als hervorragend.
    Gratulation!

    Zudem Sebastian es sich nicht hat nehmen lassen, seinen Hut immer wieder in den Ring zu werfen und schließlich gegen Kniepkamp in der ersten Runde erfolgreich zum Beisitzer gewählt wurde.

    Doch bis auf Silke haben ich keinen aus seinem Team auf der Bühne gesehen – warum nicht?

    Tritt man heute nur noch zur Wahl an, wenn man sicher ist, diese auch zu gewinnen?
    So wurde das Feld kampflos überlassen – und jetzt wird gemeckert.
    Da fehlt es an demokratischem Grundverständnis.
    Schade!

    Grüße
    Anne

  13. Rupert Ebner

    Sitze gerade wieder eine Nacht vor dem Nachlass der alten Vorstandschaft. Steuererklärung 2005 !
    Würde viel lieber mit Produzenten und Konsumenten über „Gut, Sauber und Fair“ diskutieren, bei gutem Essen über die Möglichkeiten der Förderung lokaler Produkte reden. Aber Genuß ist nur möglich, wenn die Arbeit, in unserem Fall die Vereinsarbeit, erledigt ist. Ich bitte Euch mitzuhelfen, dass dieser Verein, mit seiner einmaligen Identität, wieder handlungs- und zukunftsfähig wird. Dies gelingt nur wenn sich Menschen finden die den Berg unerledigter Dinge abarbeiten und damit kreatives und visionäres Handeln erst wieder möglich wird.

    Ich hoffe, dass sich möglichst viele Mitglieder finden, die fair und freundschlaftlich daran mitarbeiten. Die vielen freundlichen Mails zur Information des Convivienleiters vom heutigen Tage machen große Hoffnung.

    Dem Slow Food Motto “ Gut Sauber Fair “ mit ganzem Herzen verbunden. Ein Satz noch zu Schluß: „Alter ist keine Schande und Jugend kein Verdienst“.

    Rupert Ebner

  14. *** ENDE DER DEBATTE *** (zumindest hier)

    Die rege Folge von Diskussionsbeiträgen innerhalb weniger Tage zeigt nicht nur, wie wichtig vielen Slow Foodies dieses aktuelle Thema ist, sondern macht vor allem deutlich, wie unterschiedlich die Vorstellungen sind. Da gibt es wohl nichts mehr wegzudiskutieren. Der vermutlich beste Weg wäre, ein wenig Abstand zu Thema zu gewinnen, sich zurückzulehnen und Toleranz zu üben. In diesem Sinne finde ich Elkes Kommentar wunderschön: „Atmet! Genießt! Liebt! Entschleunigt! Lacht über das Leben! Werdet bewußt! Hört Eurem Gegenüber zu!“ Und Klaus Flesch hat sicher Recht, wenn er mahnt: „Normalerweise bit man Amtsträgern 100 Tage Zeit, damit man ihr Wirken abschätzen kann. Ich würde mich freuen, wenn wir auch dies dem neuen Vorstand zugestehen würden.“

    Es darf nicht passieren, dass verbandspolitisch Interessierte und Genussfreunde „sich bis aufs Messer bekämpfen“, sondern beide Seiten müssen ihren Weg gehen und lernen, die Vorstellungen der anderen Seite zu respektieren. Ob Slow Food dafür stark genug ist, beide Strömungen unter einem gemeinsamen Dach zu ertragen bzw. zu vereinen, wird sich erst noch zeigen müssen. Klar muss aber auch sein: Slow Food Deutschland ist kein rein deutscher Verein, sondern muss sich ganz selbstverständlich als Teil einer internationalen Organisation und Bewegung verstehen. Wer hier einen Sonderweg gehen will, kann dies nicht im Zeichen der Schnecke tun!

    »Schneckentisch.de« ist in erster Linie ein genussvoller Blog, der überwiegend über kulinarische Themen und über Aktivitäten des Conviviums Rhein-Neckar berichtet. Es ist zweifellos wichtig, dass interessierte Förderer und Mitglieder auch über diese Themen und Aspekte des Vereins informiert werden. Für eine tiefe oder gar vereinstechnisches Diskussion ist dies jedoch die falsche Plattform. Aus diesem Grund beenden wir an dieser Stelle den Diskussionsstrang.

    Seit wenigen Tagen gibt es bei Slow Food ein offenes Diskussionsforum für Mitglieder, welches von jeder Seite der Slow Food Homepage erreicht werden kann. Hier können in fünf unterschiedlichen Themenblöcken alle Aspekte (genussvolle und weniger genussvolle) diskutiert und thematisiert werden. Bitte nutzen Sie diese Möglichkeit zum Gedankenaustausch.

    Die unterschiedlichen Ansichten über die Ausrichtung und Entwicklung von Slow Food Deutschland nach der Vorstandswahl 2010 in Würzburg sind an dieser Stelle ausreichend und differenziert genug dargestellt worden. Bitte schreiben Sie an dieser Stelle keine weiteren Kommentare mehr. Vielen Dank für alle Beiträge.

    Genussvolle Grüße!

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