Slow Food zu Gast bei…

Heil’s Feinschmecker Läd’l  Heidelberg

Zugegeben, es ist nicht gerade die schönste oder fotogenste Ecke von Heidelberg: Spielsalons, Kneipen, Parkplätze, die Rückseite eines großen Baumarktes. Ein paar Meter dahinter die Bauruine des ehemaligen Finanzamtes. Hier in der Bahnhofstraße, unscheinbar versteckt zwischen Döner-Imbiss, Asia-Shop und Schlüsseldienst, befindet sich ein gerade mal 40 qm großer Tante-Emma-Laden, welcher dank der kompromisslosen Qualitätsphilosophie seiner Inhaberin und einer treuen Stammkundschaft überlebt hat.

Laden

Ortsunkundige, vorbeihastenden Passanten oder Autofahrer übersehen das Geschäft nur allzu leicht.

Ich bin zu Gast bei Irmgard Heil, die seit vielen Jahren dieses außergewöhnliche Feinkostgeschäft betreibt. Ähnlich wie bei dem wunderbaren Heidelberger Zuckerladen, scheint auch hier die Zeit stehen geblieben zu sein.

Die Auslagen und Regale wirken auf den ersten Blick altmodisch und chaotisch. Es ist eng. Wirklich eng. Und die Produkte türmen sich ohne erkennbare Ordnung oder Logik bis zur Decke auf: 70 Sorten Gewürze und Gewürzmischungen, feinste Senfsorten, 15 verschiedene Salze, unzählige Sorten Nudeln, Linsen und Hülsenfrüchte, Oliven und Olivenöl, getrocknete und kandierte Früchte nebst feinsten Datteln aus Tunesien und tibetanischen Goji Beeren, 120 (!) Sorten Schokolade, englische Weingummis, italienische Würste mit Fenchel oder Knoblauch neben hessischer Ahle Worscht, 128 (!!) verschiedene Marmeladen und natürlich beste Weine und Lustau-Sherrys zähle ich während meines Besuchs. Aromen von Gewürzen, Tee und reifen Früchten liegen in der Luft und verbinden sich mit dem typischen Geruch eines Kaufladens. Es riecht nach guter, alter Zeit.

Laden innen2

Stammkunden grüßen sich mit Namen, lächeln, haben Zeit für ein Schwätzchen oder fachsimpeln angeregt über den Reifezustand der Weinbergpfirsiche. Kein Frage: Wer hier einkauft muss Genießer sein und Zeit mitbringen! Während ich mich umsehe und die ersten Fotos mache, verirren sich ein paar Touristen in das Geschäft und staunen „dass es so etwas nocht gibt!“ Wenig später kommt eine junge Studentin zögerlich zur Tür herein, schaut sich unsicher um und fragt nach einem „guten Wein“, der nicht mehr als fünf Euro kosten darf. 10 Minuten später verlässt sie strahlend das Geschäft, bepackt mit Wein, Käsegebäck, Früchten, Nüssen und einer Tafel Schokolade. Die Inhaberin strahlt auch.

Frau Heil kennt die Branche seit 50 Jahren. 1957 aus der DDR kommend, arbeitete sie mit ihrem Mann zunächst bei dem Südfrüchtehändler Bertolini, bevor Sie 1961 ihr erstes Geschäft in der Rohrbacher Straße eröffnete. „Damals“, so erzählt sie mir, „verkauften wir hauptsächlich Obst und Gemüse. Das Geschäft mit den hochwertigen Produkten hat sich erst ganz allmählich und erst über die Jahre entwickelt.“

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Dann, 1980, folgte der Umzug in die heutigen Geschäftsräume. Seitdem kauft die muntere und bestens gelaunte Inhaberin, der man ihre 77 Jahre nicht im Entferntesten ansieht, alle Waren selbst ein, testet, probiert und steht täglich von 10 bis 19 Uhr im Laden. „Es macht mir einfach Freude“ erklärt sie, auf ihre Vitalität angesprochen, „und, was sollte ich auch sonst tun? Etwa alleine zu Hause rumsitzen, Kreuzworträtsel lösen oder in den Fernseher starren? Das kommt für mich nicht in Frage. Der Genuss, gutes Essen und die Beratung machen mir unglaublich viel Spaß. Deshalb kommt bei mir auch nichts ins Sortiment, was ich vorher nicht selbst getestet und für gut befunden habe.“

Und eben dieses Sortiment – gemischt mit Individualität, jahrzehntelanger Erfahrung und der liebevoller Beratung – sind es, die das Feinschmeckerlädl so einzigartig machen. In Zeiten, in denen unsere Fußgängerzonen von den immer gleichen Filialwarenhäusern, Optikern, Handyläden, Parfümerien und Modeketten im Einheitslook dominiert werden, wirkt dieses charmante Geschäft wie der reinste Anachronismus und wie eine kleine Zeitreise. Insofern bereichert ein Besuch bei Frau Heil nicht nur die Küche und Speisekammer, sondern auch die eigene Seele. Eine Erfahrung, die Sie unbedingt erleben sollten.

frauheil

Heil’s Feinschmeckerlädl
Bahnhofstraße 15
69115 Heidelberg
Tel. 06221 – 26745
Anfahrtsplan

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Genussführer, Kulinarisches, Wein, Wo wir gerne einkaufen

Eine Antwort zu “Slow Food zu Gast bei…

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