Die Tomatenflüsterin

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Mervi Treiber ist eine Frau, die so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Als ich sie zum ersten Mal auf ihrem Hof, den sie zusammen mit Ihrem Mann Albert führt, treffe, rufen zwei Kinder aufgeregt nach ihr. Ein Angestellter will wissen, wo der große Marktschirm gelagert werden soll.  Ein Passant ruft aus seinem Auto herüber und fragt nach dem Weg zum nahegelegenen Grenzhof. Und eine Fußgängerin steht am Zaun und möchte ein paar Tomaten kaufen. Dies alles geschieht zeitgleich und die Art und Weise, wie Frau Treiber mit dieser Situation umgeht, löst tiefe Bewunderung in mir aus. Wäre ich an ihrer Stelle, würde ich wahrscheinlich den Stallburschen zum Teufel schicken, den Autofahrer geflissentlich ignorieren und irgendwie genervt versuchen, die quengelnden Kinder und die wartende Kundin zeitgleich unter einen Hut zu bekommen. Was für ein Stress! Nicht aber für Frau Treiber. Die Hofbesitzerin scheint sich über alles und jeden zu freuen und schafft es auf wundersame Art, die Dinge in absoluter Ruhe und völlig mühelos zu erledigen: Die Kinder springen lachend davon, der Angestellte nickt und verschwindet mit dem Schirm, der Autofahrer dankt für die präzise und freundliche Routenbeschreibung und Frau Treiber widmet sich nun der Kundin und ihrem Lieblingsthema, den Tomaten. Zwei Schälchen mit leuchtend bunten Früchten sind schnell verkauft und nachdem die Besucherin gegangen ist, strahlt Mervi Treiber mich an und sagt: „Sie sind bestimmt der Herr von Slow Food. Kommen Sie mit, wir gehen gleich mal in die Gewächshäuser…“

Was ich hier gerade erlebt habe, ist typisch für einen Slow Food Betrieb:  Slow Life – die Kunst des „Tempo Giusto“, der unbedingte Wille, sich vom Alltagsstress nicht auffressen zu lassen und den Dingen mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen. Ich habe das zuvor schon in der Backstube von Peter Kapp erlebt, im Verkaufsraum des Ziegenkäsehofs, im Geschäft des Südlandhauses oder in der Küche des Strahlenberger Hofs. Es ist erstaunlich: Je turbulenter es um sie herum zugeht, desto mehr Ruhe scheinen diese Genusshandwerker auszustrahlen. Aber zurück zu der Tomatengeschichte:

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Keine drei Jahre ist es her, da entschlossen sich die beiden Hofbesitzer fortan auf den Anbau von Tabakpflanzen zu verzichten, da die Rentabilität durch Subventionskürzungen seitens der EU  in Frage gestellt wird . Eine Alternative zum Tabak war schnell gefunden: Die Tomate, Deutschlands meistgekauftes Gemüseprodukt, noch vor der Gurke, der Zwiebel, dem Blumenkohl und dem Kopfsalat.  Nur zwei Regeln stellten die Bauern für ihr neues und ehrgeiziges Projekt auf. Erstens: Die Arbeitsteilung musste klar geregelt sein. Pflege , Ernte, Vermarktung und Verkauf würden in der Verantwortung von Mervi Treiber liegen; die Pflanzenproduktion und der Pflanzenschutz bei Ehemann Albert.  Zweitens: Die Tomaten sollten unbedingt naturverträglich produziert werden und qualitativ alles übertreffen, was bisher in der Region zu finden war.

All dies erzählt mir Frau Treiber, während sie mich durch die Gewächshäuser führt. Die Sonne steht tief und hüllt die Pflanzen in rot-goldenes Licht. Ein warmer Sommerwind streicht durch die offenen Seitenfenster der kleinen Plantage. „Nachts lassen wir die Planen wieder runter und die Feuchtigkeit bleibt draußen. So setzen die Tomaten keinen Tau an und können nicht krank werden“ erklärt sie. Und weiter „Achten Sie mal auf den Boden. Das ist beste Erde vermischt mit Torf –  nicht das übliche Steinwollesubstrat, das sonst verwendet wird“. Alle 15 Meter wechselt die Tomatensorte und ganz deutlich unterscheiden sich die Pflanzen in Form, Farbe und Wuchs. Über 50 verschiedene Sorten bauen die Treibers mittlerweile an. „Sehen Sie die hier?“ flüstert Mervi Treiber und streicht mehreren Planzen an einer Staude zärtlich über den Hautrücken. „Das ist eine Vintage Wine. Wenn sie reif ist, bekommt sie leicht goldene Streifen und einen ganz herrlichen, süßlichen, fast eleganten Geschmack“.

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Über eine Stunde wandern wir durch den geschützten Anbau und ich erfahre, dass alle Tomaten aus altem Saatgut – frei von Gentechnik – stammen, dass es sich um keine Massenertragspflanzen handelt und ein paar Details darüber, wie die Treibers mit den typischen Tomatenkrankheiten wie Fruchtfäule oder Virusbefall umgehen (nämlich biologisch – gegen jeden Schädling wird ein Nützling angesetzt). Ob sich das alles rechnet, will ich wissen und Frau Treiber seufzt: „Noch nicht, aber wir erfahren einen enormen Zuspruch und erhalten viel Lob. Besonders von anspruchsvollen Gastronomen, die ihren Gästen etwas Besonderes anbieten wollen und  viel Wert auf Geschmack legen. In ein bis zwei Jahren sollten wir das Gröbste geschafft haben“.

Es gibt über Hunderttausend Tomatensorten .
Warum geben wir uns mit einer Handvoll zufrieden?

… fragte das Wirtschaftsmagazin Brand 1 in seiner Maiausgabe 2009. Dass diese Frage auch Slow Food Mitglieder interessieren würde, war klar. Die einzig logische Schlussfolgerung: Wir mussten einen Tomatenevent direkt auf dem Feld organisieren! Ob Mervi Treiber wohl dazu bereit wäre? Als ich sie frage, zwinkern ihre Augen vergnügt: „Na und ob, das müssen wir unbedingt machen!“ antwortet sie spontan.

Und so trafen sich am vergangenen Freitag Abend 32 Slow Foodies (Rekord!) in den Feldern zwischen Mannheim und Heidelberg zu einer Geschmacksverkostung der besonderen Art. Zwar hatte das schlechte Wetter unseren Pläne mit einer großen, gedeckten Tafel mitten im Feld einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht (es regnete nicht, nein, es kübelte!) Doch in einer kleinen Scheune fanden wir genug Platz und einen ebenso angemessenen Rahmen für unsere Veranstaltung.

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Das Ehepaar Treiber hatte ein großes Tomatenbuffet aufgebaut, ergänzt mit frischem Ziegenkäse aus Nussloch, gut gekühltem Rosé Wein von Helmut Lehmkuhl und leckerem Brot aus Edingen. Meister Peter Kapp hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst vorbeizuschauen und seine neue Kreation, ein Tomaten-Fougasse, zu präsentieren. Ohne sich von den Wassermassen einschüchtern zu lassen, stapfte die Genießerschar im Gänsemarsch durch alle Gewächshäuser und staunte über die enorme Vielfalt. Die vielen Namen konnte sich kaum einer von uns merken. Jahrzehntelange Billig-Angebote aus dem Massenanbau (man denke nur an die uniformen Sorten aus Holland, Spanien oder Marokko) haben die alten Begriffe und Namen längst aus unserem kulinarischen Gedächtnis gelöscht.

Wer dennoch (oder jetzt erst recht) das kasachische Ochsenherz, die  rote Murmel, das gelbe Birnchen, mexikanischen Honig, Vintage Wine, Green Zebra oder die Olympische Flamme kennenlernen möchte, dem sei ein Besuch auf dem Hof von Mervi Treiber wärmstens empfohlen. Mit gutem Grund hat sie ihn TOMATENLUST genannt.

Links:
Homepage von Tomatenlust
Anfahrtsbeschreibung zum Bauernhof von Mervi Treiber
Saatgut und viele Infos – liebevoll zusammengetragen von Lila Tomate

PDF Download Service:
Brand1 Artikel „Das rote Phantom“ über die Hollandtomate
Tomatenkatalog A-Z von Lila Tomate – Über 300 Sorten detailliert beschrieben

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erzeugerbesuch, Wissen & Genuss, Wo wir gerne einkaufen

3 Antworten zu “Die Tomatenflüsterin

  1. tolle Idee mit eurem Event….leider hab ich davon nichts gewusst. Ich wär gekommen! Beste Grüße

  2. …über 100.000 Sorten? Das es so viele sind, hätte ich nicht gedacht! Ein interessanter Beitrag! Danke! 🙂

    Viele Grüße
    Henning

  3. Gisela

    Hallo,
    ich habe die leckeren Tomaten von Tomatenlust auch beim Edeka Markt Völkle in Edingen bekommen!!

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