Salone del Gusto, Turin

Es ist weitläufig bekannt, das jedes Jahr im Herbst Scharen von Feinschmeckern und Trüffeltouristen in die nebligen Hügel des Piemont pilgern. Angezogen vom Duft der weißen Knolle und bewaffnet mit einem Glas Barolo belagern sie Märkte und Restaurants und fachsimpeln über diverse Zubereitungsarten als gäbe es nichts Wichtigeres: Ganz pur mit Pasta und Butter, darüber die Trüffel hauchdünn gerieben in der Stärke von Schmetterlingsflügeln? Als Füllung in Blätterteig? Oder doch lieber grob gehackt über frisch gestampften Kartoffeln und Ei?

Es ist Hochsaison in Alba.

  

Weniger bekannt ist hierzulande, dass alle zwei Jahre Feinschmecker und Händler aus der ganzen Welt in die piemontesische Hauptstadt Turin reisen, denn hier findet die Weltmesse des guten Geschmacks, der „Salone  Internazionale del Gusto“ statt. In diesem Jahr  dauerte die Veranstaltung vom 23. – 27. Oktober. Hunderte von Nahrungsmittelproduzenten (Ausstellerverzeichnis) und tausende von Besuchern drängten sich auf engstem Raum in den Hallen des Messezentrums Lingotto. Ich war mit meiner gesamten Familie (Ehefrau, zwei Söhnen im Alter von 7 und 11 und einem Au-Pair aus Südafrika) zu diesem Slow Food Event angereist und die Erwartungshaltung war groß. Viele Foodies hatten uns in den vergangenen Jahren mit leuchtenden Augen von dieser Messe berichtet und die Spitzenerzeugnisse über den grünen Klee gelobt.

Die Presseberichte und die Website der Veranstalter sprechen davon, dass der Salone weit mehr ist, als eine Messe. Poetisch wird von „einer Reise zu den Wurzeln der Lebensmittel“ berichtet und von einem „exemplarischen Weg“ der hier beschritten wird. Doch dieser Weg ist (zumindest für Erstbesucher) steinig und gesäumt von italienischem Chaos par exellence: Überfüllte Parkhäuser (dunkel, extrem eng, stickig und ohne Ausschilderung), hupende Busse und wild gestikulierende Taxifahrer Stoßstange an Stoßstange. Wo ist der Eingang? (Es gibt zwei).  Wo ist die Abholstelle für Presseausweise und vorbestellte Tickets? (Lächelnde Messehelferinnen schicken uns charmant von A nach B und haben selbst keine Ahnung. 30 Minuten Suche). Wo ist der Informationsschalter oder Treffpunkt für deutsche Besucher? (Fehlanzeige). Wo finden die gebuchten Geschmackserlebnisse statt? (Keine Tafeln, keine Bildschirme). Ist hier Halle 2 oder Halle 3? Wieso ist der Messeplan so unhandlich und größer als eine ausgebreitete Tageszeitung? Egal. Man braucht starke Nerven und eine große Portion innere Ruhe – dann findet man sich schon zurecht. Spätestens nach zwei Stunden hat man den Überblick. Das erste Glas Wein im Stehen und ein paar Häppchen mit Olivenöl oder Artischockencreme stimmen uns wieder versöhnlich, auch wenn man sich vorkommt wie in einem Ameisenhaufen.

 

Es ist ein riesiger, pulsierender Markt mit Kammern, Küchen und Probierinseln, Messeständen, Verkostungsbereichen und Weinregalen. Entlang der Gänge wird eifrig probiert, geschlürft, geschmatzt und verglichen. Visitenkarten wechseln die Besitzer, Prospekte werden verteilt. 

Der Salone stellt sich als internationale Messe vor, aber im Kern ist er eine Veranstaltung von Italienern für Italiener. Manche Aussteller sprechen gebrochenes Englisch, viele nicht. Es geht auch so. In Halle 1 wird es internationaler: Zypriotischer Honig zwischen japanischem Sushi und irischem Starkbier, spanische Oliven und Pata Negra Schinken neben norwegischem Lachs. Auch die deutschen Erzeuger sind gut vertreten: Honig, Käse, Schinken- und Wurstspezialitäten, Senf, Essig und natürlich Bier.

  

Nach den ersten drei Stunden entdecken meine beiden Jungs einen Malwettbewerb für Kinder: Das beste „Slow Kids“ Logo für 2009 soll entworfen werden. Vergnüglich sitzen Kinder aus Spanien, China, Amerika und Frankreich nebeneinander und malen bunte Slow Food Schnecken. Wir haben eine halbe Stunde Auszeit und machen uns spornstreichs auf den Weg zur Enoteca und zum Bistro.

Ausgestattet mit Weingläsern arbeiten wir uns durch die Gänge. Spätestens jetzt wird jedem Besucher klar, was für ein bedeutendes Weinland Italien ist und wie viele Sorten es gibt. Viele hundert Weinflaschen zieren die Wände und Regale. Wie soll man sich hier bloß zurechtfinden?

 

Unser Au-Pair entdeckt „schön süßen“ Spumante und freut sich über vier Asti-Gutscheine, die wir ihr zustecken. Wir dagegen entdecken Otto Geisel, den Vorsitzenden von Slow Food Deutschland, der uns liebenswürdig durch die Weinregale lotst. Mit traumwandlerischer Sicherheit empfiehlt er uns die besten Tropfen, nennt ein paar wichtige Kriterien zu den jeweiligen Erzeugern, erzählt hier und da eine Anekdote zu den Winzern und wir erahnen die enorme Fachkenntnis des Experten und Weinsachverständigen. Die Suche nach einem Sitzplatz in der Enoteca ähnelt dem Kinderspiel „die Reise nach Jerusalem“ – hier jedoch in der Hardcore-Variante mit 300 Teilnehmern, die sich alle gleichzeitig auf die wenigen freien Stühle stürzen.

 

Fünf Stunden sind wir jetzt auf dem Salone und ziehen eine erste Bilanz. Es ist hektisch, es ist laut und chaotisch und es ist hoffnungslos überfüllt. Aber die Qualität der Nahrungsmittel und der angebotenen Produkte ist grandios! Eine einzige Abfolge von Superlativen: Das beste Pesto, der beste Schinken, der feinste Käse (Sorten, die man so gut wie gar nicht in Deutschland findet), die aromatischsten Kräuter, die schmackhaftesten Sugos und die verrücktesten Eissorten. Keine Frage: Dies ist die Messlatte, an der sich alle anderen Genuss- und Feinschmeckermessen zu orientieren haben und sie hängt hoch! Wer sich hier durchschlemmt, wird mit einigen faszinierenden Geschmackserlebnissen belohnt und erweitert seine kulinarischen Grundkenntnisse erheblich. Künftig wird uns so mancher italienische Feinkostladen nur noch ein müdes Lächeln abringen…

  

Besonders tief bewegt hat mich zum Abschluss der Besuch von „Terra Madre„, einem Netzwerk für lokale Kleinerzeuger dieser Welt. Hier geht es um mehr, als nur die Spezialitäten anderer Länder zu verkosten und zu entdecken. Ziel von Terra Madre  ist es, „nachhaltige Methoden der Lebensmittelproduktion im Einklang mit der Natur, der Landschaft und der Tradition zu bewahren, zu ermutigen und zu fördern, dabei Versorgungsketten zu verkürzen und den Bauern einen gerechten Ertrag zu ermöglichen“. Zugegeben, in Wort und Schrift kommt das ziemlich schöngeistig und trocken daher. In der Praxis aber ist Terra Madre ein überwältigendes und hoch emotionales Erlebnis. Hier in Turin kamen sie alle zusammen – Produzenten und Bauern aus der ganzen Welt, Handwerker, Köche, Studenten und Aktivisten. Mit einigen von ihnen habe ich mich unterhalten. Der Kartoffelbauer aus Humahuaca in den argentinischen Anden, der jordanische Obsterzeuger, der chinesische Reisbauer und der mexikanische Kaffeeanbauer – sie alle tragen die kleine Schnecke am Revers; und sie alle verbindet das Ziel einer Nahrungsmittelproduktion, die auf Umweltressourcen, dem Gleichgewicht unseres Planeten, den geschmacklichen Aspekten, der Würde der Arbeiter und der Gesundheit der Verbraucher beruht. Hier konnten wir trotz aller Messehektik und Folklore für einen Augenblick fühlen, was uns bei Slow Food und dem Terra Madre Netzwerk zu einer großen Familie macht und wie global und wichtig unsere Bewegung ist.

Es war ein überwältigendes Gefühl.

  

© Cyriacus Schultze

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